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Carl-Schurz-Kaserne: Serie Teil 3 - das Industrie- und Dienstleistungsgebiet

Als die Amerikaner 1993 der Stadt den Rücken zukehren, bricht für viele Menschen in der Region eine Welt zusammen. Für Bremerhaven selber ist der Abzug, nach Krisen in der Fischerei und auf den Werften, ein weiterer schwerer Niederschlag. Nicht nur, dass die Stadt als „Vorort von New York“ einen Teil seiner besonderen Identität verliert. Viel schlimmer ist noch der wirtschaftliche Schaden, der durch das Weggehen der Amerikaner entsteht. Sie sind in ihrer Gesamtheit ein mächtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Bremerhaven verliert durch den Abzug jährlich mehr als 140 Millionen D-Mark an Kaufkraft und Auftragseinbußen. Zusätzlich gehen mehr als 1100 Ziviljobs in der Kaserne verloren und die Arbeitslosenquote schnellt nach oben.

In vielerlei Hinsicht fängt das wahre Dilemma um die Carl-Schurz-Kaserne jetzt erst richtig an. Das 127 Hektar große Areal fällt nach Rückgabe durch die Army an den Bund zurück. Dieser wiederum ist nicht dazu bereit, das Gelände kostenfrei abzutreten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Städte Bremen und Bremerhaven gleichermaßen um das Grundstück buhlen. Die Stadt Bremen möchte es den Häfen zuschlagen, die sich ja bereits in ihrer Hoheit befinden. Bremerhaven möchte das Areal als eigenes städtisches Habitat wissen, um es alleine vermarkten zu können. Als ein beauftragter Gutachter der Bremer UNI die Sanierungskosten des Geländes auf 1 Milliarde D-Mark schätzt, herrscht Unklarheit in der Stadt darüber, wie es dort weiter gehen soll.

Der Wirtschaftssenator Werner Lenz tritt mit einer Idee für die zukünftige Nutzung der Kaserne an die Öffentlichkeit. Seine Zauberformel lautet: Gewerbe und Technologiepark. Lenz Ansicht nach ist das Gelände aufgrund seiner hervorragenden logistischen Lage viel zu schade, um darauf Container zu stapeln oder gar Autos zu parken. Er wünscht sich hier die Ansiedlung von Hafennutz- und Logistikunternehmen. Unternehmen, die im weitesten Sinne mit dem Hafen verbunden sind, die sich aber hier niederlassen und Arbeitsplätze vor Ort schaffen. Bremerhaven soll mehr direkten wirtschaftlichen Nutzen durch die Waren erhalten, die über den Hafen hereinkommen. Die Kaserne spielt eine zentrale Rolle in der geplanten Wirtschaftspolitik der Stadt.

Wunsch und Realität bewegen sich jedoch einmal mehr weit auseinander. Die Vermarktung des Areals läuft nicht so wie geplant. Der Bund verlangt schließlich 70 Millionen Mark für das Grundstück und während Bremerhaven sich noch darum bemüht Interessenten für das Gelände anzuwerben, bricht die Vulkan-Krise über Stadt und Land hinein. Die Carl-Schutz-Kaserne versinkt in eine Art von Dornröschenschlaf. Gelände und Gebäude verursachen Unterhaltungskosten von 3 Millionen Mark jährlich, eine Million alleine für Wasser, Strom und Heizung. Beispielsweise müssen sämtliche Kanäle einmal wöchentlich über Hydranten durchgespült werden, weil sie durch Nichtbenutzung trocken fallen und kaputt gehen. Um das Gelände einigermaßen in Schuss zu halten, wird eine zehnköpfige Mehrzwecktruppe in der Kaserne angesiedelt, die sich um alle anfallenden Wartungen und Reparaturen kümmert.

Während der folgenden Jahre finden die leeren Gebäude auf dem ehemaligen Refugium der US-Army immer wieder zweckvolle Verwendungen auf Zeit. Sie dienen als Ausweichräumlichkeit für das Lloyd-Gymnasium und die Gaußschule, als die Schulgebäude wegen Sanierungsbedarf geräumt werden müssen. Gleiches gilt auch für das Stadttheater, es zieht mit reduziertem Programm in das „Green-Room-Theatre“ im ehemaligen Recreation-Center, während das eigentliche Spielhaus am Theodor-Heuss-Platz modernisiert wird. Schüler, wie auch Besucher werden in Pendelbussen in die Kaserne und wieder zurück gefahren.

Im Laufe der Jahre werden immer wieder Gebäude abgerissen oder den neuen Anforderungen entsprechend umgebaut. Das Areal bekommt sogar eine zusätzliche, zweite Zufahrt an der Wurster Straße, um die Zuwegung zu verbessern. Als 2001 schließlich das ehemalige Wachhäuschen in der alten Einfahrt der Kaserne abgebrochen wird, geht ein letztes Stück Bremerhavener Nachkriegsgeschichte, größtenteils von der Öffentlichkeit unbemerkt. Kurze Zeit später fällt auch der letzte Sendeturm des Soldatensenders AFN und macht Platz für die Erweiterung eines Hafenbetriebes. Es kommt vermehrten zu Ansiedlungen von Gewerbe auf dem Gelände. Sogar die alte Kapelle auf dem Gelände findet zeitweise einen Verwendungszweck: Sie dient den Bremerhavener Wirtschaftsjunioren mehrfach als Veranstaltungsort für deren spektakuläre Motto-Bälle. Schließlich erlangt Bremerhaven sogar die alleinige Hoheit über das Gelände, dass sich seit 1996 im Besitz der Stadt Bremen befindet.

Um das Kasernengelände herum ranken ständig neue Gerüchte. Es geht um die mögliche Ansiedlung großer Konzerne wie Daimler-Benz, BMW oder gar Becks Bier, die in Bremerhaven Stützpunkte errichten möchten. Es gibt sogar Pläne dort ein 30-Stöckiges Hochhaus mit dem Namen „Tallyman-Center“ zu bauen, um einen zentralen Hafen- und Logistikpunkt zu schaffen. Leider bleiben alle diese Hoffnungsschimmer unerfüllt. Die alte „AAFES“-Tankstelle verschwindet und weicht einem als Biotop angelegten Regenrückhaltebecken. Rund um das Gelände herum beginnen nun die ersten Windenergieanlagen (WEA) in den Himmel zu wachsen.

Die Autostellflächen aus den zum Bersten gefüllten Hafenbereichen im Westen drücken unaufhaltsam auf das Gelände herüber und verschlingen das alte Tocci-Field und den Golfplatz. In das Vehicle-Processing-Center, in dem früher die Autos von US-Soldaten für deutsche Straßenverhältnisse umgerüstet wurden, zieht ein Textildienstleister ein. Am östlichen Rand rücken Containerservice- und Reparaturbetriebe fast täglich näher an das alte „Recreation-Center“, der Radio City Hall heran.

In diesem Gebäudekomplex selber, in dem Theater, Sporthalle, und Kino zu finden ist, zieht das International College Bremerhaven (ICB) ein. Hier wird versucht größtenteils asiatische Studenten im Logistikbereich auszubilden. Die Turnhalle des Gebäudes wird von der Inline-Hockey-Mannschaft „Bremerhaven Whales“ als Spiel- und Trainingsstätte in Beschlag genommen. Die „Whales“ treten die Räumlichkeiten dann an das Bundesliga-Basketballprofiteam „Eisbären Bremerhaven“ ab, die hier ein Trainingscenter und ihre Geschäftsstelle einrichten. Inzwischen hat der Immobilienentwickler Europa-Center AG damit angefangen riesige Logistikhallen im nördlichen Bereich des Areals zu errichten. 2005 schließlich findet die alte Kapelle auch eine neue Verwendung. Das Museum der 50er Jahre zieht mit seiner einzigartigen Sammlung von Cuxhaven nach Bremerhaven.

Heute heißt die Carl-Schurz-Kaserne „Industrie- und Dienstleistungsgebiet Carl Schurz“. Sie ist Teil des 270 Hektar großen „LogInPort“, eines Gewerbeareals, das sich auf beiden Seiten der Wurster Straße erschließt. Die Vermarktung des Geländes orientiert sich noch immer an der Grundidee, die seinerzeit von Senator Werner Lenz initiiert wurde. Die Unternehmen, die sich hier niederlassen, sollen Arbeitsplätze aus dem erschaffen, was der Hafen im- oder exportiert. „Loco-Quote“ heißt das Zauberwort. Für viele Bremerhavener wird dieses geschichtsbehaftete Stück Land aber immer viel mehr bleiben, als ein Gewerbegebiet. Es ist die Erinnerung an eine Zeit, in der Bremerhaven noch der Vorort von New York war, als amerikanische Straßenkreuzer zum Stadtbild gehörten wie die Möwen und „Brämrhavn“ manchmal als richtige Schreibweise verstanden wurde. Die Kaserne ist eine Erinnerung an Bremerhaven und die Amerikaner und an die stille Sehnsucht diese Zeit zurückzubekommen. Marco Butzkus


Hier finden Sie die weiteren Teile unserer Serie über die Carl-Schurz-Kaserne:

Teil 1: Der Verkehrslandeplatz Weddewarden

Teil 2: Von der Staging Area zur Kaserne

Teil 4: Das Museum der 50er Jahre




Quellnachweise:

Stadtarchiv Bremerhaven

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