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Carl-Schurz-Kaserne: Serie Teil 1 - Der Verkehrslandeplatz Weddewarden

Kaum eine Fläche Bremerhavens blickt auf eine derart bewegte Vergangenheit zurück, wie das rund 124 Hektar große Areal, das heute den Namen „Industrie- und Dienstleitungsgebiet Carl Schurz“ trägt. Dort oben im nördlichsten Zipfel der Stadt, wurde vor rund 80 Jahren echte Pionierarbeit geleistet. Gegründet als Flughafen, dann vom Seefliegerhorst zur Staging Area, und Carl-Schurz-Kaserne letztlich nun Gewerbegebiet – der Ort hatte schon viele Bestimmungen. Jede einzelne war bedeutend für die Entwicklung Bremerhavens. In einer kleinen Serie berichtet bremerhaven.de über Unterhaltsames, Spannendes und fast Vergessenes von diesem besonderen Ort. Im ersten Teil geht um die spannende Zeit von der Gründung bis zur Übernahme durch die Amerikaner 1945.

Als 1919 die erste Luftverkehrsstrecke der Welt: Berlin – Weimar ihren Betrieb aufnahm, war man in Bremerhaven der modernen Technik gegenüber sehr aufgeschlossen. Man wollte den Passagierhafen der Stadt durch eine direkte Anbindung an den Flugverkehr besonders attraktiv machen. Der Weg über die Schiene war umständlich und zeitraubend. Bremerhaven wollte der wichtigste deutsche Seehafen werden. Dabei lag besonders der Seeverkehr in die USA im Interesse der Planer. Passagiere sollten in Bremerhaven ohne lästige Umwege direkt vom Flugzeug auf das Schiff gelangen – und umgekehrt.

Zu dieser Zeit waren Lehe und Geestemünde jedoch noch kreisfreie Städte und standen in direkter Konkurrenz zur Stadt Bremerhaven. Alle infrage kommenden Gebiete lagen außerhalb der Stadtgrenzen Bremerhavens, das sich faktisch nur auf den heutigen Stadtteil Mitte beschränkte. Durch Kompetenzrangelei wurde die Umsetzung der Idee verzögert. Die Situation wurde auch nicht besser, als Lehe und Geestemünde 1924 zur Stadt Wesermünde verschmolzen. Noch immer gab es zwei separate Städte mit unterschiedlichen Landeszugehörigkeiten. Bremerhaven gehörte der Freien Hansestadt Bremen an, während die Stadt Wesermünde der preußischen Provinz Hannover zugehörig war. Jeder hatte Angst davor, dass der andere ihm ein besonders profitables Geschäft vor der Nase wegschnappen könnte. Es passierte erst einmal gar nichts.

1925 ist es dann der private Initiative zweier Herren zu verdanken, dass ein Flugfeld im Norden der Stadt eröffnet wird. Standort ist die Pferderennbahn im Speckenbüttler Park. Der Platz durfte, wenn kein Flugverkehr herrschte, durch Sportvereine genutzt werden. Allerdings mussten die Sportler das Gelände immer ganz schnell räumen, wenn eine Maschine zur Landung ansetzte - was nicht immer problemlos ablief. Bei einer Notlandung kam es fast zu einer Katastrophe. Somit wurde direkt nach der Gründung klar, dass der Platz für die gesteckten Ziele nicht ausreichen würde und man kehrte an die Verhandlungstische zurück.

Mit der Gründung der Fluggesellschaft-Unterweser (LUAG) wurden sich die Städte Bremerhaven und Wesermünde einig. Beide Städte wurden Mitteilhaber, Oberbürgermeister Walter Delius kam in den Aufsichtsrat und Werftdirektor Franz Tecklenborg wurde Vorsitzender der Gesellschaft. Auf dem Gelände der ehemaligen Pferderennbahn befindet sich heute übrigens die Sportstätte der Leher Turnerschaft (LTS).

Schon im Sommer 1926 wird der Verkehrslandeplatz Weddewarden eröffnet. Am 2. Juni startet die erste feste Flugverbindung: Hamburg – Bremerhaven/Wesermünde – Wangerooge – Norderney – Borkum und zurück. Am Ende der Saison werden 971 Fluggäste in 638 Flügen befördert. Die Lufthansa öffnet einen festen Stützpunkt auf dem Gelände in Weddewarden. Die Flugzeuge werden in großen Zelten untergestellt. Es gibt zusätzlich eine feste Flugverbindung mit Wasserflugzeugen nach Helgoland, die auf der Weser starten und landen.

Der Norddeutsche Lloyd (NDL) bewirbt den Flughafen am Meer als einen der modernsten der Welt. Im dem Dokumentarfilm „Bremen IV – Königin der Meere“ stellt man besonders die schnelle und direkte Anbindung an den Passagierdampfer in Bremerhaven heraus: „Mit Fahrzeugen werden die Passagiere direkt vom Flugfeld zur Anlegestelle des Schiffes befördert“. Die Flüge mussten jedoch allesamt stark subventioniert werden, um Menschen für das neue Verkehrsmittel zu begeistern. Ein Flug nach Hamburg kostet 15 Mark. Mit dem Zug muss man für die gleiche Passage 16,20 Mark berappen. In den goldenen Zwanzigern kein Problem - als jedoch 1929 die Weltwirtschaftskrise hereinbricht, steht der Flughafen, nur drei Jahre nach seiner Eröffnung, vor seinem wirtschaftlichen Ende. Einmal noch wird der Flugplatz Bühne für ein ganz besonderes Spektakel. Am 1. Mai 1930 starten Friederich-Wilhelm Sander und Fritz von Opel (Raketen-Sander und Raketen-Fritz) hier Versuche mit ihrem legendären Raketenauto „RAK2“ und dem ersten speziell für den Raketenantrieb gebauten Flugzeug „Opel-Sander RAK1“. Mitte der 1930er Jahre wird der zivile Flugverkehr in Weddewarden dann komplett eingestellt.

Als die Nationalsozialisten im Deutschen Reich die Macht ergreifen, wird der Flugplatz zu einem taktisch wichtigen Fliegerhorst ausgebaut. Die Luftwaffe übernimmt das komplette Gelände und errichtet dort mehrere große Gebäude, die zum Teil heute noch vorhanden sind. Es entstehen Flugzeughallen, Wohnunterkünfte, Verwaltungs- und Betriebsgebäude und befestigte Straßen. Als der II. Weltkrieg über Bremerhaven hereinbricht, werden hier Seefliegerverbände und eine Minensuchstaffel stationiert. Zur letzteren gehört auch eine Maschine vom Typ Junkers Ju 52, die mit einem auffälligen Minensprengring versehen ist, mit dem Magnetminen aus der Luft gesprengt werden können. Die alte „Tante Ju“ ist bis heute eines der bekanntesten Flugzeuge der Welt. Sie ist ab und an sogar noch mal am Himmel über der Stadt zu bewundern – meistens bei den Windjammertreffen Sail Bremerhaven.

Als die Nazis ihre Kriegsmaschinerie hochrüsten, erhält Bremerhaven seinen heutigen Nordhafen. Der 13 Meter tiefe Hafen verdankt seine Existenz ausschließlich dem Seefliegerhorst. Die 1939 fertiggestellte Kaianlage ist als Flugzeugträgerhafen geplant. Der erste deutsche Flugzeugträger, „Träger A - Graf Zeppelin" soll hier seinen Heimathafen bekommen. Die Lage des Hafenbeckens am Fliegerhorst ist für die Lufteinheiten des Trägers perfekt und die große Nordschleuse verfügt über die notwendige Kapazität, die es benötigt, um das 262 Meter lange und 36 Meter breite Schiff zu schleusen. Der Träger wird jedoch nie fertiggestellt. Er wird zu russischer Kriegsbeute und und sinkt 1947 in der Danziger Bucht. Erst 2006 wird das Wrack in 80 Meter Wassertiefe vor der polnischen Stadt Wadyslawowo wieder entdeckt, wo es heute noch liegt. Das „Flugzeugträgerbecken“ selbst jedoch wird 1968 zur Keimzelle des Containerumschlages in Bremerhaven und damit zur Grundlage des wichtigsten wirtschaftlichen Standbeins des Landes Bremen. Inzwischen befindet sich an dem Becken das Zentrum des Automobilumschlages, an dem jährlich mehr als 2 Millionen Fahrzeuge verladen werden.

Der Flugplatz Weddewarden bekommt im April 1945, kurz vor Ende des II. Weltkrieges, noch mal eine besondere Bedeutung für die Nazis: als Peenemünde-West, die deutsche Raketenschmiede an der Ostsee, aufgegeben werden muss. In Bremerhaven-Weddewarden soll nun an der Entwicklung von Raketenwaffen weiter gearbeitet werden. Ein fruchtloser letzter Versuch der Kriegstreiber, fernab jeder Realität. Der Krieg war faktisch längst verloren und es gab weder ausreichend Mittel noch Zeit um die gesteckten Ziele zu erreichen. Die entsprechenden Flugkörper werden in den großen Hangars in Weddewarden eingelagert. Als die Alliierten am 7. Mai 1945 die Stadt einnehmen, fallen die zum Teil zerstörten Flugkörper in ihre Hände. Für den Seefliegerhorst Bremerhaven-Weddewarden bricht eine neue Zeit an. Eine Ära, die Bremerhaven zu einer der wichtigsten Städte Europas werden lässt. Darum geht es im zweiten Teil der Serie „Die Carl-Schurz-Kaserne“   Marco Butzkus


Hier finden Sie die weiteren Teile unserer Serie über die Carl-Schurz-Kaserne:

Teil 2: Das Staging Area

Teil 3: Das Industrie- und Dienstleistungsgebiet

Teil 4: Das Museum der 50er Jahre



Bildnachweis:

Stadtarchiv Bremerhaven


Quellnachweise:

Stadtarchiv Bremerhaven

www.relikte.com

wikipedia Flugplatz Weddewarden