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Rede von Oberbürgermeister Melf Grantz anlässlich des Volkstrauertages in der Kapelle des Geestemünder Friedhofs

Anrede,

die Trauer ist ein fester Bestandteil des Lebens, des gesellschaftlichen Lebens. In neuerer Zeit wird auch von Trauerarbeit gesprochen und genau das ist es, was die Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert. Sie arbeitet daran, dass die Erinnerung an die Opfer der beiden Weltkriege, des Nationalsozialismus, das Mitgefühl und die Verbundenheit mit den Kriegsgenerationen erhalten bleibt, nicht in Vergessenheit gerät – und das schon seit mehr als 90 Jahren.

Am 16. Dezember 1919, als der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründet wurde, war den Gründungsmitgliedern denke ich nicht bewusst, vor was für einer großen Aufgabe der Volksbund bis in die heutige Zeit - bis ins 21. Jahrhundert hinein - stehen würde. Denn die Ehrung der Toten, der Erhalt und die Pflege der Gräber und Kriegs-Gedenkstätten ist etwas, das nicht an den Grenzen eines Landes Halt macht. Fast 830 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten mit rund zwei Millionen Kriegstoten betreut der Volksbund Kriegsgräberfürsorge heutzutage und leistet damit einen immensen Beitrag zur Völkerverständigung. Denn das Gedenken an die Toten erinnert daran, wie wertvoll das Leben ist - wie wertvoll jedes Leben ist und dass Kriege unermessliches Leid über die Menschen bringen.

Die Erinnerung an die Kriegsopfer aber kann dieses Leid mildern. Durch die Errichtung, den Erhalt und die Pflege der Gedenkstätten haben die Hinterblieben, die Familienangehörigen, die Kinder und die Enkel einen Platz, an dem sie den Toten nah sein können. Mit der Ehrung durch die Gedenkstätten erfahren sie auch, dass das Opfer der Kriegstoten nicht umsonst war. Es gibt den zukünftigen Generationen eine Botschaft mit auf den Weg. Nämlich dass der Frieden ein hohes Gut ist, das durch den Krieg mit einem Handstreich zerstört werden kann. Das Erlangen von Frieden aber ist dann nur unter größten Mühen möglich.

Der Volkstrauertag, meine Damen und Herren, jährt sich in diesem Jahr zum 62. Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und ist trotz seiner langen Tradition und Vergangenheit heute ebenso nötig, sinnvoll und wertvoll. Denn nur, weil das Wort Gedenktag nach Vergangenheit klingt, braucht niemand zu glauben, dass die Zeiten der Opfer und der Toten etwa vorbei wären. Der Einsatz von deutschen Soldaten zur Friedenssicherung über die Grenzen Ihrer Heimat hinaus zeigt uns in leidvoller Weise, dass auch heutzutage Opfer gebracht werden müssen, um Menschenrechte zu schützen, die Verfolgungen von Andersdenkenden zu stoppen und auch unser Volk vor Terrorakten und Bedrohung zu schützen. Mehr als 30 deutsche Soldaten sind in den vergangenen zehn Jahren allein in Afghanistan in Erfüllung ihrer Pflicht gefallen und haben für diese Aufgabe ihr Leben gegeben.

Darum ist der heutige Tag auch nicht nur ein Tag der Trauer, an dem wir den Toten der beiden Weltkriege gedenken, den Opfern der damals bombadierten Städte und den Millionen Soldaten, die nicht aus der Kriegsgefangenschaft nach Haus gekommen sind. Es ist auch ein Tag der Mahnung und der Hoffnung – auf eine friedlichere Welt, ohne Kriege, ohne Leid und ohne Unterdrückung. Eine Welt ohne Gewalt und ohne Opfer politischer Auseinandersetzungen. Denn Opfer, meine Damen und Herren, hat es genug gegeben.

Sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens wurden während des Zweiten Weltkriegs ermordet. Sinti, Roma, Homosexuelle, politisch andersdenkende Menschen – sie alle wurden von den Nazis verfolgt, interniert und umgebracht. Der Volkstrauertag ist deshalb auch ein Appell für Toleranz, für gesellschaftliche Vielfalt, für Mitgefühl und menschliches Miteinander. Denn die schrecklichen Folgen von Intoleranz und politischem Gegeneinander haben uns die beiden Weltkriege vor Augen geführt: Mit allein zehn Millionen Toten im Ersten Weltkrieg und weiteren verheerenden 60 Millionen Toten am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auch hier in Bremerhaven haben die Weltkriege und speziell die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten Opfer gefordert. Ich erinnere nur an das so genannte „Gespensterschiff“, das hier im Neuen und im Alten Hafen lag und der Ort war, an dem die SA ihre Gefangenen während der Verhöre mit Fußtritten, Stahlruten und Schlimmerem folterte, um Geständnisse zu erpressen. Oder an die vielen Menschen, die - deportiert aus Ihrer Heimat – in Lager gefercht und zur Arbeit gezwungen wurden. Dabei denkt man automatisch an bekannte Orte wie Dachau oder Auschwitz – aber, meine Damen und Herren – die Verachtung von Menschenrechten und der Tod im Arbeitslager war nicht so weit entfernt, wie man denkt.

Nein, auch hier bei uns in Bremerhaven gab es diese Lager, in denen Menschen gequält und unter menschenunwürdigen Bedingungen vor sich hinvegetieren mussten. Das „Männerlager der Wesermünder Wirtschaft“ ist ein Beispiel dafür. Hier waren in der damaligen Packhalle 16 fast 700 Zwangsarbeiter aus Frankreich und Polen interniert. Ein ehemaliger französischer Insasse hat erst 1986 über seine Leidenszeit in dem Bremerhavener Lager berichtet und ich schäme mich heute noch dafür und bin entsetzt, dass so etwas direkt hier in der Nachbarschaft, in unserer Heimatstadt überhaupt möglich war – unter Beteiligung der örtlichen Wirtschaft, die vom Arbeitseinsatz der Gefangenen profitierten:

„Wir fühlten uns sehr elend, bekamen täglich nur eine Suppe. Einmal in der Woche bekommen wir ein Stück Brot. Wir haben auch sehr unter der Kälte gelitten, weil wir nur die Kleidung anhatten, die wir im Augenblick unserer Gefangennahme trugen. Wenn wir uns vor Schwäche nicht mehr aufrecht halten konnten, kam ein Arzt und sagte: „Ihr könnt arbeiten.“

Und manche dieser Menschen wurden so lange geschunden, bis sie tot waren.

„Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“ hat einmal der Autor Heinrich Heine gesagt und damit hat er recht. Denn wir wollen und dürfen nicht vergessen, dass hinter jedem Schicksal ein einzelnes Leben steht – so wie das von Georg Elser, dem tapferen Münchner Schreinergesellen, der schon im November 1939 versucht hat, dem Terror des Nationalsozialistischen Regimes mit einer selbstgebauten Bombe im Münchner Hofbräuhaus ein Ende zu setzen. Über einen Monat lang hat er sich jede Nacht dort versteckt, um das Attentat auf Adolf Hitler vorzubereiten. Was für ein Mut gehört dazu, was für eine Entschlossenheit, gegen Unterdrückung und Unrecht aufzustehen, um diese Bombe in einem Pfeiler neben dem Rednerpult zu deponieren – ständig in Gefahr, entdeckt zu werden!

Und was für eine Katastrophe wäre der Welt erspart geblieben, wenn dieses Attentat gelungen wäre? Doch Adolf Hitler verließ durch einen unglücklichen Zufall die Veranstaltung vorzeitig. Die Zeitzünder-Bombe explodierte 13 Minuten später und Georg Elser wurde an der schweizerischen Grenze auf der Flucht von den Nazis gefasst. Erst sechs Jahre danach, am 9. April 1945, wurde er im KZ Dachau ermordet. Sechs Jahre, die ich mir nicht vorstellen möchte.

Aber - Georg Elser ist ebenso unvergessen wie alle anderen Opfer von Gewalt, Unrecht und Terror, denn solange wir daran denken, solange wir ihnen gedenken – und das tun wir mit dem heutigen Volkstrauertag - wird das niemals passieren.

Aus der Geschichte, meine Damen und Herren, haben wir etwas gelernt, haben die Hinterbliebenen, die Nachfahren und die folgenden Generationen etwas gelernt. Nämlich dass Krieg nichts bringt außer Tod, Zerstörung, Leid und Trauer und ohne die unermüdliche Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge würde diese Botschaft ungehört verhallen. Ohne Mahnung, ohne Gedenkstätten, ohne Erinnerung an die Schrecken des Krieges und damit gleichzeitig an den Wert des Friedens, wäre diese wichtige Lehre längst verblasst und untergegangen. Völkerverständigung ist dabei ein Schlüsselwort und was kann es Sinnvolleres geben, als über die Grenzen der Länder hinweg die Menschen im Gedenken an die Toten zu vereinen?

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge leistet diese Arbeit und der Volkstrauertag ist ein unverzichtbarer und zentraler Bestandteil dieser Aufgabe. Solange wir uns erinnern, vergessen wir nicht - und solange wir nicht vergessen, werden sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Wir betrauern heute hier die Toten der beiden Weltkriege und die Opfer des Nationalsozialismus und trotzdem ist dieser Feiertag nicht nur ein Tag der Toten – denn unser Gedenken an die Toten ist gleichzeitig auch Mahnung für die Lebenden, nicht nur Verantwortung für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft zu übernehmen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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