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Rede von Oberbürgermeister Jörg Schulz bei der Kranzniederlegung an der Großen Kirche aus Anlass des Kriegsbeginns vor 70 Jahren

 

Heute vor 70 Jahren überfiel die deutsche Wehrmacht den Nachbarstaat Polen - es war der Beginn des Zweiten Weltkriegs, da zwei Tage später Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg erklärten. Um 4.45 Uhr (nicht um 5.45 Uhr, wie Hitler behauptete) eröffnete das Linienschiff „Schleswig-Holstein" das Feuer auf polnische Befestigungen auf der Westerplatte vor der Freien Stadt Danzig.


Der Krieg begann mit einer Lüge: Das Oberkommando der Wehrmacht erklärte, die deutschen Truppen seien „in Erfüllung des Auftrags, der polnischen Gewalt Einhalt zu gebieten", zum „Gegenangriff angetreten". Die angebliche polnische Gewalt war von den Nazis jedoch selbst inszeniert, zuletzt mit einem fingierten polnischen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz (in Wirklichkeit waren es verkleidete SS-Leute).

Der Überfall auf Polen war der Auftakt zur größten Menschheitskatastrophe des 20. Jahrhunderts: zu mehr als fünfeinhalb Jahren Krieg, an dessen Ende eine erschütternde Bilanz stand. 54 Staaten hatten sich im Krieg befunden, 110 Millionen Soldaten wurden eingesetzt.


Mit dem Krieg endete eine nie gesehene Eskalation der Gewalt mit 60 Millionen Toten, davon die Hälfte Frauen, Kinder, alte Menschen. Allein sechs Millionen Opfer forderte der Holocaust, das europäische Judentum wurde fast vollständig vernichtet. Besonders das polnisches Volk hat beispielloses Leid ertragen müssen: Bereits während des deutschen Überfalls auf Polen und des Angriffs durch sowjetische Truppen, die aufgrund des Hitler-Stalin-Nichtangriffspakts am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierten, starben mehr als 120 000 polnische Soldaten. Die polnische Intelligenz wurde weitgehend ausgelöscht. Insgesamt forderte der Zweite Weltkrieg in Polen sechs Millionen Tote - das waren 17,2 Prozent der damaligen Bevölkerung. Kein anderes Volk in Europa hatte im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eine so große Zahl von Toten zu beklagen.


Deutschland wiederum musste einen hohen Preis für den von ihm angezettelten Krieg und des Völkermordes zahlen, denn am Ende war das Deutsche Reich nicht nur durch Bomben zum großen Teil zerstört, sondern auch geteilt. Millionen Menschen verloren ihre Heimat. Dennoch ist der westliche Teil Deutschlands, die Bundesrepublik, schon bald nach dem Krieg wieder in den Kreis der zivilisierten Völker zurückgekehrt, und durch die Ostpolitik Willy Brandts in den 70er Jahren haben wir uns mit unserem Nachbarn Polen versöhnt.

Der Warschauer Vertrag wurde am 7. Dezember 1970 unterschrieben und am 17. Mai 1972 vom Deutschen Bundestag ratifiziert. Es war eine große Geste der Humanität und der Verständigung, dass das polnische Volk trotz des Überfalls und des Mordens zur Versöhnung mit dem deutschen Volk bereit war. Unvergessen bleibt die Geste von Willy Brandt, der am Tage der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos auf die Knie fiel und das polnische Volk symbolisch um Vergebung bat, obwohl er persönlich als Emigrant gar keinen Anlass dazu hatte.


70 Jahre nach Kriegsbeginn lässt sich feststellen: Die Geschichte beider Völker wird immer von dem unermesslichen Leid belastet sein, das Deutschland seinem Nachbarland Polen zugefügt hat. Doch trotz der schmerzlichen Geschichte haben beide Völker wieder zueinander gefunden. Sie leben heute als gute Nachbarn in Frieden und Freiheit. Vor genau zehn Jahren, bei den Gedenkfeierlichkeiten am 1. September 1999 zum 60. Jahrestag des Kriegsbeginns auf der Danziger Westerplatte, erklärte der damalige Bundespräsident Johannes Rau: „Versöhnung und gute Nachbarschaft sind nicht selbstverständlich. Sie sind die Frucht langen, manchmal schmerzhaften Bemühens." Diese gute Nachbarschaft zwischen Polen und Deutschen, so sagte Rau weiter, „mehr noch: dieses freundschaftliche Miteinander im gemeinsamen europäischen Haus - das muss im Alltag, in vielen Begegnungen der Menschen wachsen".


Die Stadt Bremerhaven hat dieses freundschaftliche Miteinander im Jahre 1990 durch die Partnerschaft mit Szczecin, dem früheren Stettin, besiegelt. Schon vorher, nämlich vor genau 30 Jahren, wurde die Deutsch-Polnische Gesellschaft Bremerhaven gegründet, die eine treibende Kraft bei der Verständigung mit unseren östlichen Nachbarn war. Dafür danke ich der Deutsch-Polnischen Gesellschaft aus Anlass ihre 30-jährigen Bestehens ganz besonders.


Inzwischen haben wir seit 64 Jahren Frieden in Mitteleuropa, und für immer mehr Menschen in Deutschland ist der Zweite Weltkrieg eine ferne Vergangenheit. Es dauert gar nicht mehr lange, bis es kaum noch Deutsche gibt, die den Krieg bewusst miterlebt haben. Doch wir müssen uns unserer Geschichte stellen und können die Verantwortung nicht abschütteln. Wir müssen uns allen, aber besonders den jungen Menschen immer wieder vor Augen führen, welches beispiellose Ausmaß an Verblendung dazu führte, dass das deutsche Volk dem so genannten Führer nachlief.


Am 8. Mai 1945 war der Krieg vorbei, der am 1. September 1939 mit dem Einmarsch in Polen begonnen hatte. Doch seine Folgen sind auch heute noch nicht vollständig überwunden. Denn noch immer ist der Ungeist der Nazis in Deutschland nicht verschwunden, ganz im Gegenteil: In manchen Köpfen spukt das faschistische Gedankengut noch immer herum. Die Wahlerfolge der NPD oder die Gewalttaten von Neonazis zeigen, wie aktuell das berühmte Wort Bertolt Brechts über den Faschismus ist: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Deshalb sind wir immer wieder aufgerufen, uns gemeinsam gegen alle Formen von Hass, Nationalismus und Rassismus zu wehren. Das ist eine der Lehren des heutigen Gedenktages.

 

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