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Rede von Oberbürgermeister Jörg Schulz bei der Eröffnung der Ausstellung "Erinnerung bewahren - Sklaven- und Zwangsarbeiter aus Polen 1939-1945

Anrede,

es gibt Fotos, die so eindringlich sind, dass man sie ein Leben lang vor Augen hat. Zu diesen unvergesslichen Bildern gehört für mich der Kniefall von Willy Brandt am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos am 7. Dezember 1970. Dass der damalige Bundeskanzler, der als Gegner des Faschismus vor den Nazis fliehen musste, mit dieser symbolischen Geste das polnische Volk im deutschen Namen um Vergebung für die nationalsozialistischen Verbrechen bat - diese Szene hat sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt und mein politisches Engagement als damals 17-Jähriger beeinflusst. Solche bewegenden Fotos sagen oft mehr als viele Worte, und daher ist es gut, dass die Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte in Bilddokumenten wach gehalten wird.

Ich erwähne das Bild vom Kniefall in Warschau, weil es sich ganzseitig auch im Begleitband zu dieser Ausstellung findet, zu deren Eröffnung ich Sie gemeinsam mit Frau Bürgermeisterin Linnert herzlich begrüße. Ganz besonders heiße ich Sie, Herr Generalkonsul Osiak, im Namen der Stadt Bremerhaven willkommen. Im Buch zur Ausstellung leitet das Foto vom Kniefall in Warschau das abschließende Kapitel über die deutsch-polnische Aussöhnung ein, zu der Willy Brandt mit seiner Ostpolitik entscheidend beitrug. Die Geschichte beider Völker wird immer unter der Belastung des unendlichen Leids stehen, das Deutsche während des Zweiten Weltkriegs dem Nachbarland Polen zugefügt haben. Umso wichtiger war es für das friedliche Zusammenleben beider Nachbarstaaten, dass uns das polnische Volk die Hand zur Versöhnung ausstreckte.

Die Lehre aus der von Deutschen verübten Unmenschlichkeit kann nur lauten: Wir dürfen uns nicht von unserer Geschichte abwenden; wir müssen uns der Erinnerung stellen, mag sie auch noch so schmerzlich sein. Dazu gehört, Hass, Nationalismus, Rassismus und Krieg zu bekämpfen, und dazu gehört auch, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, was von 1933 bis 1945 geschah. Die Wahrheit über den deutschen Terrorstaat und seine Verbrechen müssen die Nachgeborenen kennenlernen, um daraus die notwendigen Lehren zu ziehen. Diese Aufklärungsarbeit ist wichtiger denn je in einer Zeit, in der viele nichts mehr vom angeblich so fernen Thema NS-Zeit hören wollen. Wer einen Schlussstrich unter die Aufklärung über die jüngste deutsche Vergangenheit ziehen will, der verkennt, dass Intoleranz und Gewalt keineswegs ein fernes Thema sind. Schließlich ist der Nährboden für totalitäres Gedankengut auch in unserer stabilen Demokratie vorhanden.

Deshalb bin ich dem Honorarkonsul der Republik Polen in Bremen, Herrn Dr. Paschmeyer, außerordentlich dankbar, dass er den Anstoß gegeben hat, die Dokumentation über das Schicksal und das Leid der polnischen Zwangsarbeiter in Deutschland von 1939 bis 1945 auch in Bremerhaven zu zeigen. Diese Ausstellung soll möglichst viele junge Besucherinnen und Besucher erreichen, und ich bin zuversichtlich, dass sie diese Aufgabe auch erfüllen wird. Denn man muss schon Hornhaut auf der Seele haben, um nicht von den bewegenden Schicksalen berührt zu werden, die sich in den Fotos der Zwangsarbeiter widerspiegeln. Sie geben den 2,8 Millionen polnischen Männern, Frauen und auch Kindern ein Gesicht, die während der deutschen Besatzung zur Zwangsarbeit ins NS-Reich verschleppt wurden.

Die Versklavung war ein Kernelement der nationalsozialistischen Besatzungspolitik in Polen. Die dortige Bevölkerung sollte lediglich als „primitives Arbeitsvolk" im Dienste der deutschen Herrenmenschen geduldet werden, und es traf sich dabei gut, dass die Zwangsarbeiter die Lücken in den Betrieben füllen konnten, die der Kriegseinsatz von Millionen Soldaten gerissen hatte. Sogar Kinder und Jugendliche mussten zu Tausenden in der Landwirtschaft und in der Industrie arbeiten. Der Krupp-Konzern schreckte nicht einmal davor zurück, Sechsjährige in der Rüstungsproduktion einzusetzen.

Dass die damalige Stadt Wesermünde - das heutige Bremerhaven - bei der Ausbeutung der Zwangsarbeiter keine Ausnahme machte, ist bis heute viel zu wenig bekannt. Es war Dr. Manfred Ernst, der dankenswerterweise 1987 dieses Kapitel der Stadtgeschichte in einer Veröffentlichung des Stadtarchivs aufarbeitete, obwohl die Quellenlage sehr schwierig war. Damit legte er den Grundstein für weitere Erinnerungsarbeit, die dazu führte, dass am ehemaligen Zwangsarbeiterlager Am Baggerloch im Fischereihafen ein Gedenkstein aufgestellt wurde. Dieses Lager war eines von 21, in denen insgesamt mehr als 3200 Sklavenarbeiter in primitiven Verhältnissen untergebracht waren. Sie wurden zwischen 1940 bis 1945 in Werften, Fischfabriken, Baufirmen, Handwerks- und Handelsbetrieben sowie in Haushalten ausgebeutet. Die Lager gab es überall der Stadt - in der Straße Dreibergen in Wulsdorf, an mehreren Stätten im Fischereihafen einschließlich der Hallen VIII und XIV, in der Ibbrigstraße in Geestemünde, wo sich ein Frauenlager befand, in der Schillerschule, in der Bückingstraße, im „Waldschlößchen" in der Parkstraße und an etlichen anderen Standorten.

Spuren dieser Vergangenheit sind heute kaum noch vorhanden. Umso wichtiger ist es, dass wir die Opfer der von Deutschen begangenen NS-Verbrechen nicht vergessen. Viele Zwangsarbeiter überlebten die Qualen nicht. Wer davongekommen ist, leidet für den Rest seines Lebens. Für sie alle steht das Motto der Ausstellung, das auch dem Begleitbuch vorangestellt ist. Es ist die Inschrift eines Denkmals für die Opfer eines KZ für Kinder und Jugendliche im heutigen Lodz, das die Nazis verniedlichend „NS-Jugendverwahrlager" nannten. Die Inschrift lautet: „Man hat euch das Leben genommen. Heute schenken wir euch einzig unsere Erinnerung."

Diese Erinnerung zu bewahren - das sind wir den Opfern schuldig, und diese Aufgabe erfüllt diese Ausstellung „Erinnerung bewahren" in vorbildlicher Weise. Ich wünsche ihr daher viele interessierte Besucherinnen und Besucher und hoffe, dass das Angebot vor allem von Schulklassen intensiv angenommen wird. Mein Dank gilt allen, die an diesem wichtigen Projekt beteiligt sind. Ganz besonders danke ich Ihnen, Herr Konsul Paschmeyer, für Ihre Initiative zu dieser Ausstellung in Bremerhaven.

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