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Legende wird zu Grabe getragen: Abrissparty im Gorch-Fock-Heim

Abschied von einer Legende: Mit einer großen Abrissparty tragen die Motorradfreunde Bremerhaven am Freitag, 30. April, um 19 Uhr das ehemalige Gorch-Fock-Heim in Wulsdorf zu Grabe. Die "Wiege der Rockmusik in unserer Stadt" (Jugendstadtrat Melf Grantz) muss der Erweiterung des Fröbel-Kindergartens weichen.

„Damit verschwindet ein Freizeitheim, in dem sich schon die Großeltern und Eltern der heutigen Jugendlichen kennengelernt und getroffen haben", bedauert Grantz. Auch er selbst verbrachte dort in jungen Jahren manchen Abend und hat nach eigenem Bekunden „viele positive Erinnerungen ans Gorch-Fock-Heim". Deshalb unterstützt er die Idee des Motorradfreunde-Bosses und Vereinsgründers Gerhard Stubbe, den einstigen Freizeittreff mit einem rockigen Tanz in den Mai würdig zu verabschieden. Bei der Party spielen die Gruppen Sammy's Blues Band und Motorplanet.

Seine größte Zeit hatte das Heim in den 60er Jahren, der goldenen Ära des Beat. „Da hatte es", glaubt Grantz, „für junge Bremerhavener die gleiche Bedeutung wie der Cavern Club für die Jugendlichen in Liverpool." Bis zu 600 Besucherinnen und Besucher drängten sich freitagabends vor der Gorch-Fock-Bühne, wenn die Lokalmatadoren der regionalen Beatszene die Verstärker aufdrehten: Heart Beats, Happy Times, Griffins, The Muds, Black Beats, Competition, Cracker Jack. Und natürlich Just Us mit Leadsänger Stefan Remmler, der viele Jahre später mit Trio und dem Mega-Hit „Da-Da-Da" Furore machte.

Die Anfänge des Gorch-Fock-Heims lagen bereits in der Nachkriegszeit. Sie entwickelten sich aus der 1946 gegründeten Jugendgruppe „Schwalbe", die von den amerikanischen Besatzungstruppen 1947 eine alte Baracke aus Nordholz auf dem jetzigen Standort des Fröbelkindergartens erhielt. 1948 übernahm die US Army selbst den schlichten Bau in die Regie ihres Programms „German Youth Activities" und stellte dafür einen deutschen Leiter ein. Die Baracke musste dann dem Fröbelkindergarten weichen. 1952 weihten die Amerikaner das neue Freizeitheim ein, das 1953 an die Stadt überging. Die Verantwortung für das Programm hatte bis 1970 der Verein für Freizeitgestaltung. Im Februar 1996 zog der Jugendtreffpunkt in die Paula-Modersohn-Schule um, das einstige Gorch-Fock-Heim wurde seither vom Fröbelkindergarten genutzt.

Die Geschichte der Freizeitstätte ist untrennbar mit dem Namen des Mannes verbunden, der sie von 1955 an leitete und viele Jahre entscheidend prägte: Der inzwischen verstorbene Rolf Köhler versorgte Bremerhavens Jugend schon mit Musik und Schwof, als es noch keinen Beat-Club im Fernsehen gab und auch die Disco noch nicht erfunden war. Köhler begann ganz brav mit Gesellschaftstanz, bis die Zeit der Dorfmusik vorbei war und Beat und Rock ins Gorch-Fock-Heim einzogen. Als in den 70er Jahren die Discos aufkamen, gingen die Live-Auftritte mit Musikgruppen aus der Region spürbar zurück. Dafür übernahmen die Discjockeys das Kommando am Mischpult.

Ende der 60er Jahre wurde eine Baracke am Rande des Gorch-Fock-Freigeländes einer Rocker-Gruppe zum Aufbau eines eigenen Clubheims überlassen. Daraus entwickelten sich später die Motorradfreunde Bremerhaven. „Die haben sich dort mit viel Engagement ein ansehnliches Domizil geschaffen", lobt Stadtrat Grantz. Die Biker organisierten auf dem Gelände Motorradtreffen mit Teilnehmern aus ganz Europa. Bei Großveranstaltungen des früheren Freizeitheims, so der Jugenddezernent, hätten sich die Motorradfreunde mit ihrer Hilfsbereitschaft stets als verlässlicher Partner erwiesen. Grantz: „Daher freue ich mich, dass sie jetzt den Abschied von diesem legendären Heim auf die Beine stellen." Eintritt: fünf Euro. Der Reinerlös der Abrissparty kommt den Bremerhavener Kindertagesstätten zugute. Für das leibliche Wohl ist mit Hilfe der Sponsoren „Iron Wing" und Koop Bestattungen gesorgt.

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