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Arbeitsplätze und Zukunft haben Vorrang: Flughafen Luneort soll verlagert werden

Nach gründlicher Prüfung und intensiver Beratung steht es fest: Wenn der Offshore-Terminal im Blexer Bogen errichtet wird, kann der Bremerhavener Regionalflughafen Luneort nicht weiterbetrieben werden. Verschiedene Gutachten haben ergeben, dass der Flugbetrieb parallel zum Betrieb des geplanten Offshore-Terminals in der Weser nicht möglich ist. Die Ergebnisse der Gutachten sowie die weitere Vorgehensweise wurden heute von Oberbürgermeister Melf Grantz, dem Bremer Wirtschafts-Staatsrat Dr. Heiner Heseler sowie anderen Beteiligten der Presse vorgestellt.

„Wir haben alle Möglichkeiten für einen Weiterbetrieb des Flughafens sorgfältig untersucht“, betonte OB Grantz. „Die einzig richtige Schlussfolgerung aus den vorliegenden Gutachten ist, dass der Flughafen Luneort nicht weiter betrieben werden kann, wenn der Offshore-Terminal in der Weser gebaut wird. Wir erwarten bis zu 14.000 neue Arbeitsplätze und bis zu 4.900 Einwohner für Bremerhaven durch den Ausbau der Windkraft-Industrie – das hat Vorrang.“

Insgesamt wurden sieben verschiedene Varianten untersucht. Die Bandbreite reicht von der einseitigen Nutzung der vorhandenen Hauptstart- und -landebahn über die Verlegung der Piste auf die Luneplate bis zur Verlagerung des Flugbetriebes auf den Seeflughafen Nordholz. Kriterien für das Gutachten waren unter anderem der technische Wert des Flughafens Luneort und der Infrastruktur, verschiedene Nutzungsmöglichkeiten und Umweltkriterien, sowie Unterhaltungskosten und Folgekosten durch nötige Baumaßnahmen bei einer Weiternutzung.

In ihrer Analyse kommen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass von den rund 8.800 Starts im Jahr 2010 rund Zweidrittel den nicht gewerblichen Bereichen zuzurechnen sind. Im Bereich des gewerblichen Verkehrs überwiegt im betrachteten Jahr der Taxi- und Linienflugverkehr mit einem Verkehrsanteil von rund 15 Prozent. Hierbei handelt es sich fast ausschließlich um Flüge der Fluggesellschaft OLT nach Helgoland bzw. nach Sylt. Aus den vorliegenden Daten ergibt sich, dass der Flughafen Luneort zu mehr als 60 Prozent von Freizeitfliegern genutzt wird. Bei größeren Flugzeugen wie den Maschinen der Fluglinie OLT liegt die Nutzung im gewerblichen Bereich bei 14 Prozent. „Das zeigt deutlich, welchen Anteil die rentable Geschäftsfliegerei auf dem Flughafen Luneort hat und wie groß die reine Freizeit-Nutzung der Anlage ist“, so Melf Grantz.

Für eine weitere Nutzung des Regionalflughafens wurden verschiedene Parameter untersucht und – je nach Variante – mit verschiedenen Testflügen untermauert.

Unter anderem wurde geprüft, unter welchen Bedingungen die Hauptpiste nach geltenden Sicherheitsvorschriften der Luftfahrtbehörde noch genutzt werden kann, wenn der Offshore-Terminal in der Weser gebaut wird. Dazu zählt vor allem die Simulation von Notsituationen mit dem nötigen Durchstart von Flugzeugen beim Landeanflug, um wieder Höhe zu gewinnen. Das Gutachten kommt dabei zu folgendem Ergebnis:

„Alle gemessenen Höhen liegen weit unterhalb der Höhe des geplanten Umschlagsbereichs von 150 Meter NN (Normal-Null) zuzüglich des für den Fehlanflugbereich geforderten Sicherheitspuffers von 30 Meter – also insgesamt von 180 Meter. Es ist daher davon auszugehen, dass ein Überfliegen des Offshore-Terminals unter Berücksichtigung des zusätzlichen Sicherheitsabstandes nicht gewährleistet ist.“

Die im Rahmen der Gutachten durchgeführten Flugversuche haben somit ergeben, dass eine einseitige Nutzung der Hauptstart- und -landebahn auf dem Flughafen Luneort nicht möglich sein wird. Auch für verschiedene andere Szenarien wie Kurvenanflüge, Verlegung der Start- und Landebahn auf die Luneplate oder die Nutzung bzw. Erweiterung der vorhandenen Querlandebahn kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass die Varianten ausgeschlossen sind. Die Gründe dafür reichen von erheblichen, nicht kompensierbaren Auswirkungen auf bestehende Natur- und Artenschutzgebiete über die Investitionskosten bei einer Platz-Erweiterung oder Verlagerung auf die Luneplate, die in keinem Verhältnis zu den zu erwartenden regionalwirtschaftlichen Effekten stehen bis hin zum Verlust der wirtschaftlichen Attraktivität des Standortes. Damit verbunden sind laut Gutachten erhebliche Einbußen bei den zu erwartenden Arbeitsplätzen, Einnahmen und neuen Einwohnern durch den geplanten Offshore-Terminal und die Offshore-Industrie.

Zitat:

„Mit der Weiternutzung der Start- und Landebahnen am Luneort reduzieren sich die privaten Investitionen der angesiedelten Unternehmen (alle Werte zusammengerechnet bis 2040) zwischen 200 Millionen bis 460 Millionen Euro. Die Bruttowertschöpfung reduziert sich zwischen zirka 2,5 Milliarden und 4,5 Milliarden Euro und die Zahl der Arbeitsplätze zwischen rund 1600 bis 3.400. Die Einwohnereffekte reduzieren sich um bis zu 1.700 Personen und die steuerlichen Effekte zwischen 72 Millionen und 164 Millionen Euro.“

Die Weiternutzung der Start- und Landebahnen des Verkehrslandeplatzes (VLP) Luneort birgt neben den ermittelten verminderten regionalwirtschaftlichen Potenzialen erhebliche Gefahren für die Entwicklung des Offshore-Zentrums Bremerhaven insgesamt und somit für die Realisierung des Offshore-Terminals Bremerhaven durch einen privaten Investor.

Einen Parallel-Betrieb des Regionalflughafens gemeinsam mit dem Offshore-Terminal durch verschiedene Nutzungszeiten sehen die Gutachter als nicht machbar an, da der Hafenbetrieb als 24-Stunden-Betrieb an 365 Tagen zu konzipieren ist und bedingt durch Auslastung des Terminals sowie wechselnde Wetterverhältnisse nur in geringem Ausmaß planbare Zeitfenster für einen ungestörten Flugbetrieb vorgegeben werden können.

OB Grantz: „Dadurch verliert der Flughafen Luneort seine Bedeutung als kommerziell genutzter Flughafen fast vollständig. Der jährliche Zuschuss von Stadt und Land von 350.000 Euro zu den Betriebskosten – der perspektivisch dann noch steigen müsste - ist nicht mehr vermittelbar. Die Gutachter kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass die Verlegung des Flugbetriebes nach Nordholz die einzige realistische Alternative ist und dem stimme ich zu. Wir sind offen für Formen der Kooperation und werden mit dem Landkreis Cuxhaven sprechen, der uns schon seit längerem eine Zusammenarbeit angeboten hat.“ Für die bestehenden Beschäftigungsverhältnisse bei der Flugplatzbetriebsgesellschaft Luneort werde – abhängig von den jeweiligen Alternativen – entsprechend Vorsorge getroffen.

Auch für die Sport- und Freizeitflieger vom Luneort gibt es eine Lösung. Direkt neben dem Seeflughafen Nordholz befindet sich der Flugplatz Nordholz-Spieka, der bereits jetzt von Bremerhavener Hobby-Fliegern als Basis genutzt wird.

Durch die Verlegung des Flugbetriebs von Bremerhaven nach Nordholz können die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen des Offshore-Terminals in vollem Umfang ausgeschöpft werden. Unter anderem gehen die Gutachter bis zum Jahr 2040 von bis zu 14.000 neuen Arbeitsplätzen sowie bis zu 4.900 neuen Einwohnern für die Seestadt aus. Außerdem führen die Gutachter an, dass die Variante 6 hinsichtlich der aufzuwendenden Mittel und der Folgekosten am kostengünstigsten ist. Durch die Schließung des Flugplatzes kann nicht nur die Hauptlandebahn als Schwerlast-Trasse zum geplanten Offshore-Terminal genutzt werden, sondern es entfällt auch der Neubau einer schwerlastfähigen Trasse zur Anbindung des Offshore-Terminals über die jetzige Straße „Am Luneort“. Die Einsparung: rund 13 Millionen Euro.

Zudem kann das Flughafengelände als bereits erschlossenes Gewerbegebiet für die Offshore-Windindustrie genutzt werden und steht Interessenten kurzfristig zur Verfügung. Dies gilt auch für die bestehenden Gebäude und Hangars, die im Rahmen der gewerblichen Entwicklung des Flughafengeländes anderen Nutzern zur Verfügung gestellt werden können.

Teilweise werden die Gebäude am Flughafen Luneort von den vorhandenen Mietern weitergenutzt. Langfristige Mieter wie das Alfred-Wegener-Institut haben ihre Bereitschaft signalisiert, bei einer Schließung des Flugplatzes Luneort mit nach Nordholz umzusiedeln. Eine Nutzung des Flugplatzes als Hubschrauber-Basis für die Offshore-Windindustrie ist laut Gutachten nicht sinnvoll, da für diesen Zweck bereits die Standorte Emden und Norddeich genutzt werden und die Anflug-Zeit von Bremerhaven zu den Offshore-Windparks im Vergleich zu lang und zu teuer ist.

OB Grantz: „Die Summe aller Punkte hat uns dazu bewogen, für die Schließung des Regionalflughafens Luneort zu stimmen. Die notwendigen Schritte werden jetzt eingeleitet. Geschlossen wird der Flughafen nur, wenn der Offshore-Terminal Bremerhaven bestandskräftig planfestgestellt und realisiert wird.“ Die Ergebnisse des Gutachtens werden dem Magistrat zur Kenntnisnahme und zum Beschluss der Variante 6, Verlagerung des Regionalflughafens Luneort nach Nordholz, vorgestellt.

Die entsprechende Vorlage wird anschließend unter dem Stadtportal bremerhaven.de öffentlich zugänglich gemacht. Die Stadtverordneten-Versammlung muss der Schließung des Flughafens noch zustimmen.

Nach erfolgtem Beschluss durch den Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung wird das eigentliche Planfeststellungsverfahren für den Offshore-Terminal eingeleitet. Sobald ein Investor für den Terminal gefunden ist, kann nach dem Planfeststellungsbeschluss mit den Bauarbeiten im Blexer Bogen in der Weser begonnen werden. Die Eröffnung des Terminals ist für das Jahr 2014/2015 geplant.

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