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„Salto Mortale“ vom Leuchtturm Roter Sand: Großes Wagnis mit gutem Ausgang

Es gibt Orte, die ihrer bloßen Existenz wegen zu förmlich kühnen Ideen oder besonderen Leistungen herausfordern. Man denke dabei an die Schluchten des Grand Canyon, über die sich Seiltänzer wagen oder die 1576 Stufen des Empire State Buildings, die jährlich zu einem Treppenlauf einladen. Einer dieser Orte ist der Leuchtturm Roter Sand, der als erstes Offshore Bauwerk der Welt rund 50 Kilometer vom Bremerhaven entfernt auf dem Grund der Nordsee steht. So mancher träumte im Vorbeifahren vielleicht schon mal davon, mit einem wagemutigen Sprung vom Haupt des Turmes in die brausenden Fluten der Nordsee zu springen. Franz Waldheim hat es am 21. August 1921 tatsächlich gemacht - und seinen „Salto Mortale“ fast mit dem Leben bezahlt.

5.000 Mark, vier Salti und eine Platzwunde im Gesicht – so sah die persönliche Bilanz des Berliner Kunstspringers Franz Waldheim aus, nachdem er nach seinem todesmutigen Sprung vom 30 Meter hohen Leuchtturm Roter Sand aus der Nordsee gezogen wurde. Zu verdanken hatte Waldheim das Ganze dem Regisseur Heinz-Karl Heiland, der sein Geld mit Sensationsfilmen verdiente. Heiland sah Waldheim in einem Berliner Bad, als dieser dort recht gewagte Sprünge vom 8-Meter-Brett machte. Er fragte nach, ob der Springer nicht in seinem Film „Die japanische Maske“ mitmachen wolle. Als Gage gäbe es 5.000 Mark (nach heutigem Wert knapp 18.000 Euro) und er müsse dafür „nur“ vom Leuchtturm „Roter Sand“ in die Nordsee springen, während Heiland das Ganze vom vorbeifahrenden Seebäderdampfer „Najade“ aus filmen würde. Nach Besichtigung des Turms willigte Waldheim ein – schließlich waren 5.000 Mark kein „Pappenstiel“ und ängstlich war der Berliner auch nicht.

Als es dann ernst wurde und Franz Waldheim den Turm betrat, gab es gleich mehrere Überraschungen. Zum einen wollte es der Zufall so, dass der Leuchtturmwärter ein alter Marinekamerad Waldheims war. Zum anderen gestaltete sich das Unterfangen deutlich schwieriger als erwartet. Zwei Eisenstücke, die Waldheim zur Probe aus dem Fenster warf, landeten scheppernd auf dem Betonsockel des Leuchtturms und dem Kunstspringer wurde etwas mulmig. Der Auslegekran des Turmes wurde ausgeschwenkt und darauf eine Bank als Sprungbrett gebunden, um genügend Abstand vom Sockel zu erhalten. Dennoch wurde Waldheim von Unbehagen erfasst, als er schließlich aus dem Fenster kletterte und sich den frischen Nordseewind um die Nase wehen ließ. Der Kunstspringer hatte allerdings seine ganz eigene Weise, um damit umzugehen und sich zu beruhigen. Er wandelte ein paar Mal in 30 Meter Höhe über das schmale Brett hin und her und machte abschließend einen Handstand an dessen äußerstem Ende.

Als die „Najade“ schließlich auf ihrem Weg von Bremerhaven nach Helgoland auf der richtigen Position für den „Dreh“ angekommen war, gab es ein Signal und der tollkühne Akteur stürzte sich tatsächlich in die Tiefe. Auf fünfeinhalb Salti hatte Waldheim den Sprung berechnet – eine Fehlkalkulation, die fast fatale Folgen hatte. Noch mitten in der vierten Drehung erhielt Waldheim einen heftigen Schlag in Gesicht und tauchte ins Wasser ein. Glücklicherweise berührte der Springer dabei das Wasser zuerst mit dem Kopf und nicht mit Bauch oder Rücken – sonst hätte der Sprung in den sicheren Tod geführt. So aber konnte er von seinem alten Marinekameraden gerade noch rechtzeitig aus den Fluten gezogen werden, bevor er die Besinnung verlor. Waldheim wurde anschließend auf die „Najade“ gebracht und fuhr mit nach Helgoland, ohne etwas davon mitzubekommen. Auch den Rückweg nach Bremerhaven bekam er nicht mit. Erst dort, in einem Krankenhaus, erwachter er mit stark angeschwollenem Gesicht und einer Platzwunde an der Wange. Den Film, für den er seinen „Todessalto“ gemacht hat, hat Franz Waldheim nie gesehen.   Marco Butzkus

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