Aktuelle Tageszeitungen im Regal

Die Amerikaner in Bremerhaven: Teil 3 - Die Zivilangehörigen (the civilians)

In den 48 Jahren, in denen die Amerikaner ein Teil von Bremerhaven waren, gab es in der Stadt unzählige US-Bürger. Die meisten von ihnen waren hier stationiert – im Schnitt drei Jahre. Manche blieben aber auch länger oder sogar ganz in „Bremerheaven“. Einige fanden hier ihr „German Fraulein“ und nahmen es mit nach Amerika. Es gibt allerdings auch Amerikaner, die auf ganz andere Weise in der Seestadt gelandet sind. Einer von ihnen heißt George Bush – ist Obama-Fan, ein richtig netter Kerl und macht sehr leckere Cocktails in seiner kleinen Bar auf der Szenenmeile „Alte Bürger“.

George ist Afroamerikaner, 48 Jahre alt, sieht wesentlich jünger aus und stammt eigentlich aus Miami – Florida. Er ist wahrscheinlich der freundlichste Mensch, den ich je getroffen habe. George lächelt immer und ein obligatorisches „Sir“ vollendet jede seiner Antworten, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Wir sind in „George’s Bar & Grill“ und die Atmosphäre ist einfach umwerfend. In einer Ecke steht ein rotes Samtsofa. Die Wände sind durchbrochen und geben den Blick auf den offenen Rotstein preis. Alles ist sehr gepflegt und mit viel Liebe zum Detail dekoriert. Während wir uns unterhalten, bereitet er allerlei Obst für seine leckeren Cocktails vor. Im Hintergrund läuft coole Jazz-, Funk- und Soulmusik aus den 1980er Jahren.

„Wie bist Du hier gelandet?“, frage ich den lächelnden Barbesitzer knapp. „I fell in love, Sir - ich habe mich verliebt“, seine ebenso knappe Antwort. Sein Dad, so erfahre ich, war bei der Army und in Mannheim stationiert. 1991 fliegt er dort hin, um seine Eltern zu besuchen. Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf. Auf der Bowlingbahn, in der Kaserne dort, findet gerade ein Bowlingturnier statt. Zwischen den Teams verschiedener U.S.-Kasernen aus Deutschland. George trifft hier auf eine junge Frau aus dem Bremerhavener-Team – und verliebt sich „head over heels, Sir“ - Hals über Kopf.

George ist ein Mann der Tat. Zweifel kennt er nicht, wenn das Herz ruft. Ohne lange zu überlegen, entscheidet er sich für die Liebe – und damit für Bremerhaven. In der Carl-Schurz-Kaserne bekommt er schnell einen gut bezahlten Job und fühlt sich heimisch. Der US-Dollar ist viel wert, die Menschen hier in der Stadt, die sich selbst gerne New Yorks deutsche Vorstadt nennt, sind nett zu Amerikanern. In der Militärbasis in Mannheim, bei seinem Vater, ist alles ganz anders. Die Kaserne ist fünfmal so groß wie die in Bremerhaven-Weddewarden. 18.000 bis 20.000 Menschen sind dort stationiert. Heidelberg und andere US-Stützpunkte liegen gleich um die Ecke. Die Amerikaner dort sind so unter sich, dass sie die Kaserne kaum verlassen müssen.

In Bremerhaven hingegen ist man viel mehr Teil der Stadt. Anschluss an die Deutschen ist hier üblich, überall trifft man sich – beim Einkaufen, in den Clubs und Restaurants. Die Stadt an der Weser ist zu einem sehr wesentlichen Teil amerikanisch geprägt. Die Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen sind so gut wie nirgendwo anders in der westlichen Welt. Außerdem ist George verliebt und sieht eh alles durch eine rosarote Brille. Leider ist er noch nicht lange hier, als die Army Bremerhaven verlässt. Die Wiedervereinigung Deutschlands und der Fall des Eisernen Vorhangs hat Folgen, auch für Bremerhaven – und George.

Die Kaserne wird geschlossen. Die amerikanische Gemeinde schrumpft in Rekordzeit. Gut 3000 Militärangehörige und ihre Familien verlassen fast schlagartig die Stadt. Mit ihnen geht auch die Kaufkraft. Über 1000 Einheimische, die auf dem Areal gearbeitet haben, verlieren genauso wie George den Job. Geschäfte und Gastronomie werden geschlossen, weil die Kundschaft ausbleibt. „Die Amerikaner nennen so etwas den Ripple Effect - eine sich allmählich ausbreitende Wirkung“, sagt der bekennende Baptist ernst. Eine traurige Zeit für die Stadt, ihre Bewohner und ihre amerikanischen Freunde. George bleibt hier, seiner Kinder wegen. Sein Glaube und seine positive Lebenseinstellung geben ihm die Kraft zu dieser Entscheidung.

Der gläubige Amerikaner mag Bremerhaven sehr und er liebt seine Bar. Vor allem aber liebt George seine Kinder. Der Sunnyboy gibt ganz offen zu, wenn seine Kinder nicht wären, hätte er Bremerhaven wahrscheinlich schon verlassen. „Man überlegt sehr genau was man tut und was man lässt, wenn die Konsequenzen auch von geliebten Menschen mitgetragen werden müssen, Sir“, sagt George mit ernster Miene. Insgesamt hat George acht Kinder. „Eine verheiratete Tochter in Bonn, vier in Bremerhaven, der Rest in Amerika“, betont der stolz lächelnde Daddy.

Wann immer George in die Staaten fliegt, versucht er zumindest seine engste Familie zu besuchen. „Das ist in drei Wochen nicht immer leicht“, sagt er. Schließlich leben allein schon seine Mum, sein Dad und seine Schwestern in drei verschiedenen US-Bundesstaaten. „Bei meinem letzten Besuch dort bin ich zu einem großen Familientreffen ganz plötzlich aufgetaucht, niemand wusste etwas davon“, schwärmt der 48-jährige. „Unsere Familie ist wirklich riesig, so ungefähr 250 Personen mit Tanten, Onkeln, Cousinen und Neffen“, schätzt George. „Die hatten ein ganzes Hotel gemietet und haben sich unglaublich gefreut, dass ich auch da war“, sagt er mit leuchtenden Augen. Im Schnitt schafft der Barbesitzer es, so alle drei Jahre über den großen Teich – nicht oft genug, wie er zugibt.

Seit ein paar Jahren hat er das „George Bar & Grill“ jetzt. Anfangs war sechs Tage die Woche geöffnet - das hat sich aber nicht gelohnt. „Unter der Woche ist einfach zu wenig los“, sagt er. Die Bar ist nun nur noch Freitags- und Samstagsabend auf und dann auch gut sehr besucht. Seine Gäste schätzen seine dezente Art und den Enthusiasmus, mit der er sich um ihre Bedürfnisse kümmert. Er ist jetzt wochentags wieder im U.S.S. Seamens Club beschäftigt, wie bereits früher schon. In dem amerikanischen Kleinod an der Potsdamer Straße bemüht er sich, mit der gleichen Hingabe, um das Wohl seiner Gäste. „Vor allem Seefahrer aus aller Welt, aber auch viele native Speaker – Muttersprachler - aus dem englisch sprachigen Raum kommen dort hin“, sagt er. „Unter Deutschen ist der Club allerdings auch schon lange kein Geheimtipp mehr, die Sizzler-Steaks –serviert auf einer heißen Platte, sind der Renner“, macht er mir den Mund wässrig.

George Albert Bush ist übrigens kein großer Fan seiner beiden Namensvetter, die seiner Zeit das Amt des US-Präsidenten bekleideten. Er ist ein überzeugter Barrack Obama-Anhänger - hat aber schon sehr viel Vergnügliches mit seinem Namen erlebt. Von eingehender Skepsis, ob er denn auch wirklich so heißen würde, bis hin zu Spontanreaktionen. „Die Standardnummer in den 90er Jahren war immer, dass wenn ich mich mit George Bush am Telefon gemeldet habe, mein Gesprächspartner sich schlagartig als Bill Clinton vorgestellt hat“, grinst George breit, während er eine Erdbeere mit einem kleinen Faltschirmchen durchbohrt. „Auf Flughäfen ist das auch immer eine Schau. Wenn ich meinen Pass vorzeige, ruft der Passkontrolleur immer gleich ein paar Kollegen zu sich, die sich dann bestens amüsieren“, schmunzelt er.

Während George ein paar Limonen für einen „Cuba Libré“ – einen Rum mit Cola - auspresst, packe ich meine Sachen zusammen. Mein Blick schweift noch einmal durch das inzwischen volle Lokal. Dabei bleibe ich an einen großen „Vote OBAMA“ Schild in Deckenhöhe hängen. Ich muss schmunzeln, gehe Richtung Tür. „Bye George, Take care – pass auf Dich auf“, sage ich. „Thank you Sir, hope to see you soon again – Ich hoffe, ich sehe Sie bald mal wieder“, sagt er und lächelt dabei freundlich. Ich bin mir sicher, dass er das wird.   Marco Butzkus