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Zum ersten Mal bei einer deutschen Wahl: Schüler zählen die Stimmen aus

Mit einer spektakulären Aktion will das Bremerhavener Wahlamt den großen Aufwand bei der Doppelwahl am 22. Mai in den Griff bekommen: Zum ersten Mal bei einer Wahl in Deutschland wird der überwiegende Teil der Stimmen von Schülerinnen und Schülern ausgezählt. Bei den Wahlen zur Bremischen Bürgerschaft (Landtag) und zur Stadtverordnetenversammlung treten rund 500 junge Wahlberechtigte an, um im Lloyd Gymnasium die Stimmenflut aus den 75 Wahllokalen auszuwerten. Das Besondere an beiden Urnengängen: Statt jeweils einer haben die Wähler diesmal fünf Stimmen.

Nach der umfassenden Änderung des Wahlrechts können die rund 87 000 Wahlberechtigten in Bremerhaven ihre fünf Kreuze beliebig auf die Parteien und Gruppierungen sowie einzelne Kandidaten verteilen. Weitere Neuerungen: Das Wahlalter wurde zum ersten Mal bei einer Landtagswahl in Deutschland auf 16 Jahre gesenkt, die Fünf-Prozent-Hürde für die Stadtverordnetenversammlung abgeschafft. Und statt auf einem Stimmzettel, der wegen des großen Umfangs der Wahlvorschläge Posterformat hätte, müssen die Wählerinnen und Wähler ihre Kreuzchen diesmal in einem handlicheren und übersichtlicheren Wahlheft machen.

„Diese Wahlen erfordern somit einen beispiellosen organisatorischen und logistischen Aufwand“, betont der Stadtwahlleiter, Magistratsdirektor Ulrich Freitag. Da bei der Doppelwahl fünf Mal so viele Stimmen wie bisher ausgezählt werden müssen, reicht das übliche Aufgebot von knapp 500 Helfern in den Wahllokalen nicht aus. Gegenüber früheren Urnengängen verdoppelt sich daher die Zahl der Ehrenamtlichen auf etwa 1000. Dennoch kann am Wahlabend zunächst nur das Ergebnis für die Landtagswahl erfasst werden. Die Auszählung der Stimmen für die Kommunalwahl muss dagegen bis zum Montag warten – „und da stehen viele Wahlhelfer aus beruflichen Gründen schon gar nicht mehr zur Verfügung“, so der Leiter des Wahlamts, Horst Keipke.

Deshalb mussten zusätzliche Freiwillige rekrutiert werden. Bei den organisatorischen Überlegungen erinnerte sich das Amt an die guten Erfahrungen, die es bei der Bundestagswahl 2009 mit jungen Leuten gemacht hatte. Damals sorgten Auszubildende der Stadtverwaltung als Wahlhelfer in zwei Stimmlokalen für einen perfekten Ablauf. Keipke: „Das brachte uns auf die Idee, Schülerinnen und Schüler im wahlberechtigten Alter aus den Oberstufen des Lloyd Gymnasiums sowie der Schulzentren Carl von Ossietzky und Geschwister Scholl für die Stimmenauszählung zu gewinnen.“

Bei Schülern und Lehrern stieß der Vorschlag des Wahlamts sofort auf Zustimmung. Keipke: „Für die Schulen ist der Einsatz der jungen Leute als Wahlhelfer eine praktizierte Staatsbürgerkunde.“ Für die gibt es neben der üblichen Aufwandsentschädigung von mindestens 30 Euro sogar Bonuspunkte in der „Berufs- und Studienorientierung“ (BSO) der Oberstufenschüler. Schon jetzt haben sich rund 500 junge Wahlhelfer gemeldet, von denen bei der Auszählung am zentralen Standort Lloyd Gymnasium jeweils mindestens fünf einen Wahlvorstand bilden sollen. Der wertet die Wahlhefte aus, gibt die Stimmen in einen Computer ein und überprüft die Ergebnisse auf Richtigkeit. Für diese Aufgaben, so Keipke, werden die Jugendlichen vor dem Wahltag eingehend geschult. Bei der Stimmenauszählung sind die Schüler lediglich nicht für die Briefwahl zuständig, um die sich 20 „normale“ Wahlvorstände zentral im Stadthaus 5 kümmern.

Die Landtags- und Kommunalwahl stellt das Wahlamt jedoch nicht nur vor organisatorische, sondern auch vor ungeahnte logistische Herausforderungen. Keipke: „Das Auszählungszentrum im Lloyd Gymnasium wird nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr zum Ziel einer Sternfahrt mit den versiegelten Urnen.“ Als Sammelbehälter für die Wahlhefte dienen in den 75 Wahllokalen jeweils zwei 240-Liter-Tonnen. „Der Transport dieser schweren Wahlurnen“, sagt Keipke, „ist allein schon ein gewaltige Aufgabe, die nur ein Unternehmen mit entsprechend großem Fuhrpark leisten kann.“ Doch die Organisatoren sind sicher, dass alles klappt und der Aufwand durch möglichst frühe Endergebnisse beider Wahlen belohnt wird. Stadtwahlleiter Freitag: „Wir haben guten Grund zu der Hoffnung, spätestens am Montagabend fertig zu sein – immerhin voraussichtlich zwei Tage vor der Stadt Bremen.“

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