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Zukunftswerkstatt 2027: Bremerhaven hat das Potenzial zur Kulturstadt

Ein Blick von außen kann manchmal wahre Wunder wirken. Das dachten sich wohl auch Schul- und Kulturdezernent Michael Frost und die Kulturamtsleiterin Dorothee Starke. Beide gemeinsam hatten den Kulturentwicklungsfachmann Peter Vermeulen nach Bremerhaven eingeladen. Dieser hielt im Rahmen der „Zukunftswerkstatt Bremerhaven Kultur 2027“ einen Vortrag in der gut besuchten Kunsthalle. Dessen inhaltliches Fazit: Bremerhaven hat eine tolle Kulturvielfalt, ein hohes Maß an ehrenamtlichem Engagement und reichlich Potenzial zur Kulturstadt.

Dass Bremerhaven viel mehr zu bieten hat, als gemeinhin angenommen wird, ist den allermeisten Bremerhavenern natürlich lange bekannt. Aus dem Mund eines renommierten Experten für Kulturentwicklung hört man das natürlich dennoch gerne. Dass Professor Peter Vermeulen in seinem knapp 90-minütigen Vortrag auch darauf hinwies, dass die kulturelle Vielfalt der Stadt von vielen ihrer Einwohnerinnen und Einwohnern nicht so richtig wahrgenommen werde, sorgte allerdings für betroffene Blicke. Der gebürtige Krefelder hatte im Vorfeld die einzelnen kulturellen Einrichtungen der Stadt unter die Lupe genommen und dabei einige interessante Fakten herausgearbeitet. Einer davon: Bremerhaven gibt zwar mehr Geld für Kultur aus als andere Städte vergleichbarer Größe, allerdings nicht mehr als vergleichbare Stadtstaaten. Außerdem biete die Seestadt ein riesiges Maß an kultureller Vielfalt– auch weil es hier ein so großes ehrenamtliches Engagement gebe.

Als gutes Beispiel dafür nannte Vermeulen das Kunstmuseum Bremerhaven und dessen beeindruckende Sammlung. Das Haus bekomme einen Jahreszuschuss von 160.000 Euro. „In anderen Städten kostet so etwas locker eine Million Euro“, so der ehemalige Kulturdezernent aus Mühlheim an der Ruhr, in der das Kunstmuseum jährlich mit 1,6 Millionen Euro bezuschusst wird. In Bremerhaven funktioniert das nur so gut, weil die Mitglieder des Kunstvereins sich persönlich stark einbringen. Der Geist des „in die Hände Spuckens“ und des „Machens“ sei ganz offensichtlich. Auch das mit 12 Millionen Euro unterstützte Stadttheater sei, trotz der hohen Subvention, ein gutes Beispiel für kostenoptimiertes Arbeiten. „Wenn Sie da weiter sparen, dann haben Sie nicht mehr das Theater, das sie jetzt haben“, warnte Vermeulen. Das wäre aus seiner Sicht unklug, denn das Theater habe offensichtlich einen sehr guten Zuspruch in der Bevölkerung. 140000 Besucher pro Jahr bei 110000 Einwohnern, das bedeute eine Ziffer von größer als 1 und das sei hervorragend. In seiner Heimatstadt Mühlheim läge diese Ziffer gerade mal bei 0,3.

Natürlich gäbe es in der Stadt auch Einrichtungen, die aufgrund ihrer Größe nicht wirtschaftlich arbeiten können. Das müsse man allerdings akzeptieren, weil man sich bei deren Bau für diese Ineffektivität entschieden habe. An einigen Stellen müsste man hingegen perspektivisch über sinnvolle Zusammenschlüsse nachdenken. Ein besonders großes Potenzial sieht der Diplomkaufmann in einer möglichen Zusammenarbeit zwischen hochaktuellen Einrichtungen wie dem Klimahaus, dem Klimastadtbüro und der Phänomenta, mit den wissenschaftlichen Instituten hier vor Ort. Wichtig sei aber vor allem anderen, dass die kulturelle Vielfalt der Seestadt (Vermeulen: eine Art heimlicher Kulturhauptstadt Deutschlands) nach außen wie auch nach innen bekannter werde. Schließlich lässt die Seestadt sich sich die Kultur rund 178 Euro pro Jahr und pro Einwohner kosten.

Damit finanziere die Stadt auch die Kultur für die Menschen aus dem umschließenden Niedersachsen. Das kulturelle Angebot Bremerhavens werde eben auch von vielen Menschen genutzt, die im benachbarten Umland wohnen und die somit keine Steuern in der Stadt zahlen. Um hier einen fairen Ausgleich zu schaffen, schlug Vermeulen eine „Bremerhaven Card“ vor, die nur von Bremerhavenerinnen und Bremerhavenern erworben werden kann. „Wenn man dann an allen städtisch subventionierten Einrichtungen die Eintrittspreise um 20 Prozent erhöhen würde und auf die Bremerhaven Card einen entsprechenden Nachlass gewähre, dann könnte das wohl funktionieren“, meint Vermeulen.   Marco Butzkus

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