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Rede von Oberbürgermeister Jörg Schulz beim Werkstätten-Tag 2008 der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen

Anrede,

ich freue mich sehr, dass Sie im Rahmen des Werkstätten-Tages 2008, den Ihre Bundesarbeitsgemeinschaft seit gestern in Bremen veranstaltet, auch nach Bremerhaven gekommen sind und hier im Deutschen Auswandererhaus bei Ihrem Europa-Tag aktuelle sozial- und arbeitsmarktpolitische Themen diskutieren. Für Bremerhaven ist es eine große Ehre, dass ein Teil eines so wichtigen Kongresses unter der Schirmherrschaft des Herrn Bundespräsidenten auch in unserer Stadt stattfindet. Hierzu begrüße ich Sie im Namen der Stadt Bremerhaven recht herzlich und wünsche Ihnen angeregte Diskussionen und einen guten Aufenthalt in den Havenwelten, dem neuen Tourismuszentrum rund um den Alten und Neuen Hafen.

Rings um das Deutsche Auswandererhaus haben Sie sicherlich bereits diese derzeit größte innerstädtische Baustelle Norddeutschlands wahrgenommen, und da sich die Bremerhavener Innenstadt durch dieses Projekt in den vergangenen drei Jahren sichtbar verändert hat, nutze ich gern die Gelegenheit, Ihnen die Havenwelten kurz vorzustellen. Auf historischem Boden zwischen City und Weserdeich - in bester innerstädtischer Lage an den beiden ältesten Hafenbecken der Stadt - steht eines der interessantesten Stadtentwicklungsvorhaben Deutschlands vor der Vollendung. Eine Freizeit- und Erlebniswelt aus Tourismus, Kultur, Wohnen, Handel und Gewerbe.

In der Geschichte unserer 1827 gegründeten Stadt sind die Havenwelten eine Investition ohne Beispiel. Bereits im März hat das große Atlantic Hotel Sail City eröffnet, von dessen Aussichtsplattform Sie aus 100 Metern Höhe einen einzigartigen Blick über die ganze Stadt, die Häfen, die Wesermündung und hinaus auf die Nordsee werfen können. In wenigen Tagen, am 9. Oktober, geht das Einkaufszentrum Mediterraneo mit einem hochwertigen Angebot an den Start, und am 1. März 2009 wird das Klimahaus Bremerhaven 8º Ost eingeweiht, eine spektakuläre Touristenattraktion mit überregionaler Ausstrahlung, in dem die Besucher auf eindrucksvolle Weise die Klimazonen der Erde erleben - entlang des 8. Längengrads, an dem auch Bremerhaven liegt.

Die erste neue Attraktion dieses Gebiets gibt es allerdings schon seit August 2005, nämlich das Deutsche Auswandererhaus, das sich von Anfang an als Besuchermagnet für Bremerhaven erwiesen und alle Erwartungen weit übertroffen hat. 2007 wurde das Auswandererhaus als Europäisches Museum des Jahres ausgezeichnet, und in diesen Wochen - also nach etwas mehr als drei Jahren - kann es bereits seinen 700.000 Besucher begrüßen. Es hat sich gezeigt, dass dieses Erlebnismuseum zum Thema Auswanderung in Bremerhaven genau am richtigen Platz ist, weil es einen bedeutenden Teil unserer maritimen Tradition widerspiegelt. Schließlich war Bremerhaven einst der größte Auswandererhafen des europäischen Kontinents, von dem aus zwischen 1830 und 1974 mehr als sieben Millionen Menschen den ungewissen Weg in die Fremde antraten. Daher wird das Auswandererhaus hier am historischen Standort des Neuen Hafens von den Besuchern als besonders authentisch empfunden, und sein Erfolg beweist, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn wir mit den Havenwelten das maritime Profil Bremerhavens aufgreifen und neu beleben.

Sowohl durch die Auswanderung als auch durch den weltweiten Handel ist Bremerhaven seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der größten Häfen des Kontinents geworden. Unsere Stadt hat schon immer europaweite und internationale Kontakte gepflegt. Deshalb ist es sicherlich ein naheliegender Gedanke Ihrer Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen gewesen, den europäischen Teil Ihres diesjährigen Werkstätten-Tages in Bremerhaven zu veranstalten. Ich bin überzeugt, dass Sie einen hervorragenden Ort für Ihre Diskussionen gewählt haben, zumal gerade in Bremerhaven mit den Elbe-Weser-Werkstätten und der Lebenshilfe zwei bedeutende Mitglieder Ihrer Bundesarbeitsgemeinschaften vertreten sind. Ich möchte nicht versäumen, Sie an dieser Stelle auch noch einmal ganz besonders im Namen dieser beiden großen Institutionen zu begrüßen, die sich in Bremerhaven seit vielen Jahren für Menschen mit Behinderungen einsetzen und eine große gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllen.

"Perspektive Mensch - Zukunft. Chance. Arbeitswelt" - so lautet das Motto Ihres Kongresses. Eine Perspektive durch sinnvolle Arbeit brauchen auch diejenigen, die wegen ihrer schweren Behinderung nicht in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden können, und darum geht es auch Ihren Bremerhavener Kolleginnen und Kollegen bei ihrem vorbildlichem Engagement. Die Elbe-Weser-Werkstätten und die Lebenshilfe geben täglich Hunderten Menschen Beschäftigung, die nicht in der Erwerbswirtschaft tätig sein können. Hier finden Menschen mit Behinderungen Unterstützung, von denen viele zeitlebens auf unsere Solidarität angewiesen sind.

Für behinderte Menschen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles zum Positiven verändert, ein neues Denken hat sich durchgesetzt. Die einstige Ausrichtung auf Versorgung und Fürsorge wurde abgelöst durch ein Leitbild der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Vor allem seit den 70er Jahren, als Menschen mit Behinderungen verstärkt in den Mittelpunkt der sozialpolitischen Arbeit rückten, kommt den Werkstätten als Einrichtungen zur Eingliederung ins Arbeitsleben ein hoher Stellenwert zu. Seither haben sie einen festen Platz in unserer Rehabilitationslandschaft.

Beruf und Arbeit schaffen für Menschen mit Behinderungen die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Ein fester Arbeitsplatz ist für sie ein Schlüssel zur gleichberechtigten Teilhabe in der Gesellschaft. Es geht nicht nur darum, selbst Geld zu verdienen, sondern über die Arbeit auch soziale Kontakte zu bekommen, einen sinnvollen Tagesablauf zu gestalten und einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Würde von Menschen mit Behinderung zu wahren und ihre Fähigkeit zu stärken, das eigene Leben so weit wie möglich selbst zu gestalten - das muss in einer Gesellschaft, die sich soziale Gerechtigkeit und Engagement für die Schwachen auf ihre Fahnen geschrieben hat, oberstes Gebot sein. Dazu bedarf es der Zuneigung, des Respekts und der Geduld ebenso wie des Vertrauens in die Fähigkeiten der behinderten Mitarbeiter. Die Akzeptanz der individuellen Persönlichkeit und ihrer Bedürfnisse ist daher die unverzichtbare Grundlage jedes Handelns.

In Bremerhaven gibt es eine sinnvolle Aufgabenteilung zwischen beiden Trägern, die sich seit vielen Jahren in der Praxis bewährt hat. Die Elbe-Weser-Werkstätten sind an insgesamt 18 Standorten länderübergreifend in der Stadt Bremerhaven und dem niedersächsischen Umland tätig. Sie bieten für mehr als 700 Menschen vor allem mit psychischen und körperlichen Behinderungen Arbeits- und Qualifizierungsmöglichkeiten. Dazu gehören Eigenproduktionsstätten, Montagegruppen, Dienstleistungs- und Gastronomiebereiche sowie der integrierte Pflanzen- und Gemüseanbau. Die Lebenshilfe fördert, betreut und beschäftigt an acht Standorten in Bremerhaven 420 Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Ihre Werkstätten sind auf die Ver- und Bearbeitung von Metall und Holz, die Montage von Gebrauchsartikeln sowie die Herstellung von Kartonagen und Verpackungen spezialisiert. Mit Fahrradladen, Bäckerei und Bistro sowie der Gartengruppe bietet die Lebenshilfe Arbeitsplätze mit integrativem Charakter nahe denen am ersten Arbeitsmarkt.

Es gibt also eine breite Palette von Tätigkeiten, die in den Werkstätten der EWW und der Lebenshilfe verrichtet werden, und man kann ohne jede Übertreibung sagen: Die beiden Bremerhavener Institutionen haben sich seit vielen Jahren einen hervorragenden Ruf als Produzenten und Dienstleister erworben, die auch für die Industrie zahlreiche Aufträge zuverlässig, flexibel und qualitativ hochwertig ausführen. Und man darf natürlich auch nicht vergessen, dass beide Werkstättenträger nicht nur 1120 Menschen mit Behinderungen Arbeit geben, sondern in allen Einrichtungsbereichen auch mehr als 700 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in der Qualifizierung, Betreuung und Beschäftigung tätig sind. Alles in allem handelt es sich bei den Elbe-Weser-Werkstätten und der Lebenshilfe also um zwei renommierte mittelständische Betriebe mit Umsätzen im zweistelligen Millionenbereich.

Der Stadt Bremerhaven ist stolz darauf, dass es diese beiden anerkannten Werkstätten gibt, die so engagiert und kompetent eine wichtige Aufgabe im sozialen Bereich erfüllen. Das gilt aber auch für Sie, meine Damen und Herren, die Sie Werkstätten für Menschen mit Behinderungen aus allen Bundesländern vertreten. Sie alle stehen konsequent auf der Seite der Schwachen in unserer Gesellschaft, und damit sind Sie ein Stück soziales Deutschland. Ich wünsche Ihnen sowie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel Erfolg bei der Arbeit in den Werkstätten, einen guten Verlauf Ihrer Beratungen und noch einen schönen Aufenthalt in unserer Seestadt Bremerhaven.

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