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Rede von Oberbürgermeister Jörg Schulz bei der Eröffnung der Elvis-Presley-Sonderausstellung im Allierten-Museum Berlin

Anrede,

als Sergeant Elvis Presley am 1. Oktober 1958 in Bremerhaven von Bord des amerikanischen Truppentransporters "General G. M. Randall" ging, war es für die US Army zumindest offiziell ein Tag wie jeder andere. Doch natürlich konnte kein normaler Dienstbetrieb herrschen, wenn der berühmteste GI der fünfziger Jahre zum ersten Mal deutschen Boden betrat, um seine Militärzeit im hessischen Friedberg abzuleisten. Hunderte von Bremerhavener Jugendlichen sowie über 50 Fotografen und Kameraleute drängelten sich morgens an der Columbuskaje, dem legendären Kai an der Weser, an dem seit eh und je die großen Schiffe von und nach Übersee festmachten.

Die Teenager schrien sich bei jedem der 1299 amerikanischen Soldaten der 3. US-Panzerdivision, der auch nur entfernt nach dem King of Rock'n'Roll aussah, die Seele aus dem Leib. Denn in Uniform und mit kurzen Haaren sah Elvis aus wieder alle anderen GIs, und Extrawürste wurden für ihn nicht gebraten: Der Gefreite Presley musste sich in Reih und Glied anstellen, bis er mit seinem Seesack auf der Schulter die Gangway heruntergehen konnte. Dennoch schafften es einige Fans, ihrem Idol nahe zu kommen, und einem 16-Jährigen gelang es trotz aller Absperrungen sogar, auf die Gangway zu klettern und ein Elvis-Autogramm zu ergattern. Ehe der Rock'n'Roll-Star auf schnellstem Wege im bereitstehenden Zug nach Friedberg verschwand, sprach er noch einem Rundfunkreporter brav den Satz ins Mikrofon: "I'm happy to be here" - ich bin glücklich, hier zu sein.

So kam also Elvis Presley am 1. Oktober 1958 in Bremerhaven an, und noch heute schwärmen seine inzwischen längst ergrauten Fans von diesem Vormittag, an dem viele von ihnen wegen Elvis die Schule geschwänzt haben. Einer der jüngsten war damals übrigens ein gerade erst 11 Jahre alter Bremerhavener Schüler namens Stephan Remmler, der in Lederhose und Sandalen am Kai stand und den singenden GI für den Größten hielt. Viele Jahre später wurde jener Stephan Remmler selbst zum Star, als er mit seiner Popgruppe Trio einen Welthit mit dem banal-eingängigen Titel "Da-Da-Da" landete.

Meine Damen und Herren, wenn jetzt hier im Alliierten-Museum Berlin nach fünf Jahrzehnten eine Sonderausstellung die Bilder von Elvis Presleys Ankunft in Bremerhaven und seiner Militärzeit in Deutschland zeigt, dann wird zunächst einmal natürlich an die Ära des Rock'n'Roll und damit an ein wichtiges Kapitel Kulturgeschichte erinnert. Der Blick geht aber gleichzeitig auch in ein Zeitalter zurück, das von der Präsenz der US-Streitkräfte in der Bundesrepublik geprägt war. Und dabei spielt die Stadt Bremerhaven, deren Oberbürgermeister ich seit acht Jahren bin, eine große Rolle. Deshalb freue ich mich nicht nur über diese Ausstellung, in der Elvis Presley auf anschauliche und liebevolle Weise gewürdigt wird. Mein Dank gilt auch der Museumsleitung, die mich eingeladen hat, um Ihnen die Bedeutung Bremerhavens für die amerikanischen Truppen darzustellen.

Dass der König des Rock'n'Roll gerade in der Stadt an der Wesermündung von Bord des Truppentransporters ging, um dann in Hessen seine Wehrpflicht abzuleisten, war ja keineswegs ein Zufall. Während der Stationierung der US Army in Deutschland hatte wohl keine andere deutsche Stadt außer Berlin eine so enge Beziehung zu den Amerikanern. Historisch gesehen hatte Bremerhaven der deutschen Hauptstadt sogar seine traditionsreichen Verbindungen in die USA voraus, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichten.

Dem Handel mit Amerika verdankte Bremerhaven einst bereits seine Gründung, als die Versandung der Weser die Position der Freien Hansestadt Bremen im Seeverkehr von und nach den USA bedrohte. 1827 erfolgte daher der erste Spatenstich für einen Hafen 50 Kilometer weserabwärts, der "Bremer Haven" heißen sollte. 1830 legte dort ein nordamerikanisches Segelschiff als erstes Schiff an, unzählige andere aus den USA - zunächst noch unter Segeln, später unter Dampf - folgten ihm. Allein sieben Millionen Menschen aus Deutschland und den Nachbarländern verließen über Bremerhaven den europäischen Kontinent, um in der Neuen Welt, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ihr Glück zu machen. Seither gilt Bremerhaven als deutscher Vorhafen der Weltstadt New York, auf deren Einwanderungsinsel Ellis Island die Auswanderer an Land gingen.

Eine neue Epoche der deutsch-amerikanischen Geschichte begann unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Einen Tag vor Kriegsende wurde Bremerhaven zwar von britischen Truppen besetzt, doch die übergaben die Stadt gleich darauf an die US Army, die einen Nachschubhafen für ihre in Süddeutschland stationierten Einheiten brauchten. Dafür waren die Häfen, die im Krieg - im Gegensatz zur fast völlig zerstörten Innenstadt - weitgehend unbeschädigt blieben, hervorragend geeignet. Bremerhaven wurde zum "Port of Embarkation", zum Einschiffungshafen für Deutschland. Deshalb wurden die beiden Städte Bremen und Bremerhaven, die zwar 50 Kilometer auseinander liegen, aber das gemeinsame Bundesland Bremen bilden, zu einer amerikanischen Enklave innerhalb der britischen Besatzungszone.

Und so rollte die Versorgung der amerikanischen Truppen ebenso über Bremerhaven wie der Transport des gesamten Hausrats für die GIs in der Bundesrepublik . Jährlich kamen bis zu 120.000 Soldaten und 60.000 Familienangehörige in Bremerhaven an und betraten hier wie Elvis Presley zum ersten Mal deutschen Boden. Um diese riesigen Transporte zu organisieren, lebten jeweils bis zu 2400 Amerikaner mit ihren Angehörigen in Bremerhaven. Daher war ihre Präsenz nicht zu übersehen, allein schon wegen der olivfarbenen Jeeps und der mächtigen Straßenkreuzer, die durch Bremerhaven kutschierten. Die GIs und ihre Familien gehörten jahrzehntelang zum ganz normalen Stadtbild, unter ihnen natürlich auch ein großer Anteil an Farbigen.

Viele dieser Soldaten, so habe auch ich in meiner Amtszeit als Oberbürgermeister festgestellt, schwärmen noch Jahrzehnte später von ihrer Militärzeit in Bremerhaven. Denn zwischen der deutschen Bevölkerung und den Amerikanern gab es stets ein unkompliziertes Verhältnis, in vielen Fällen sogar ausgesprochen herzliche Kontakte. Vor allem auch unter jungen Leuten. In den Kneipen und Clubs wurden Rock'n'Roll und Jazz gespielt, oft auch von den US-Soldaten selbst. Die Bremerhavener Jugendlichen hörten im Armeesender AFN die Musik, die im Deutschland der 50er und frühen 60er Jahre noch als "Affengekreische" verpönt war und keine Rundfunkanstalt zu senden wagte. Und im alltäglichen Leben zeigte sich, dass die Bremerhavener einen völlig problemlosen und entspannten Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe pflegten. Schließlich waren Toleranz und Völkerverständigung in einer Hafenstadt mit internationalem Flair wie Bremerhaven schon immer eine Selbstverständlichkeit. Viele Jahre lang wurde dieses Miteinander bei Deutsch-Amerikanische Freundschaftswochen und dem alljährlichen Deutsch-Amerikanischen Volksfest gefeiert.

Dass die Stationierung der amerikanischen Streitkräfte für Bremerhaven ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war, versteht sich von selbst. In den besten Zeiten beschäftigte die US Army in Bremerhaven 1400 zivile deutsche Arbeitnehmer, und sie erteilte Bremerhavener Betrieben jährlich Aufträge im Wert von bis zu 30 Millionen Mark. Ganze Stadtviertel wurden von den Amerikanern belegt, und in einem dieser Wohngebiete ließen sie noch 1983 für 35 Millionen Mark das US Hospital modernisieren. Dennoch gab es schon in den 60er Jahren im Zuge des Vietnamkriegs erste Einschnitte, als von 2000 GIs 450 den Standort verließen und von den 1400 zivilen Arbeitsplätzen 285 wegfielen. Wie groß die Bedeutung der Army war, zeigt sich daran, dass bis 1969 im Hafen bereits 12 Millionen Tonnen Militärgüter und 950.000 US-Auos umgeschlagen worden waren.

Doch auch danach blieb Bremerhaven einer der großen amerikanischen Stützpunkte - bis der Eiserne Vorhang fiel und der Kalte Krieg zu Ende ging. 1990 schreckte der damalige US-Botschafter Vernon A. Walters, der selbst 1948 als Soldat in Bremerhaven stationiert war, die Stadt mit der Nachricht auf, dass sie noch eine Gnadenfrist bis 1992 habe. Es vergingen dann noch einmal zweieinhalb Jahre, bis die 1200 Soldaten endgültig den Standort verließen. Für Bremerhaven hatte dieser Verlust schmerzliche Konsequenzen, die einer der Gründe für die Strukturkrise der Stadt sind: Die 1000 Zivilbediensteten verloren ihre Arbeitsplätze, und Hunderte von GI-Wohnungen standen ebenso plötzlich leer wie die amerikanische Carl-Schurz-Kaserne im Norden. Inzwischen ist es uns gelungen, dieses riesige Gelände erfolgreich für die Bremerhavener Wirtschaft zu nutzen und dort hafennahes Gewerbe mit dem Schwerpunkt Logistik neu anzusiedeln.

Das Kapitel US Army ist damit für Bremerhaven, wie auch für etliche andere deutsche Städte, endgültig abgeschlossen. Eine kleine Einheit mit 30 Soldaten blieb als Nachhut zurück. Doch vergessen sind die Amerikaner bei uns schon allein deshalb nicht, weil die Stadt über ihre Überseehäfen vielfältige Verbindungen nach Übersee pflegt und dadurch auch heute noch ihrem Ruf als Vorort von New York gerecht wird. Dazu trägt auch das 2005 eröffnete Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven bei, das mit großem Erfolg an das Schicksal der Auswanderer erinnert und 2007 als "Europäisches Museum des Jahres" ausgezeichnet wurde. Ich kann Ihnen versichern: Der Besuch lohnt sich! Und damit danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche dem Alliierten-Museum und der Elvis-Sonderausstellung viel Erfolg und alles Gute!

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