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OB Grantz im Forum Kultur Sparkasse: Neues Leitbild Bremerhaven

Es gilt das gesprochene Wort.

Bremerhaven muss eine Stadt für Alle sein. Das ist das Motto, mit dem ich das Amt des Oberbürgermeisters von Bremerhaven angetreten habe: Diesem Ziel fühle ich mich nach wie vor verpflichtet. Und ich nehme es sehr ernst. Ich möchte die heutige Gelegenheit nutzen, um Ihnen dieses Motto näher zu erläutern. Ich möchte einen Ausblick wagen auf das Jahr 2027, das Jahr, in dem die bremische Hafengründung Bremerhaven 200 Jahre alt wird. Und ich möchte Ihnen meine Vision vorstellen, wie dann Bremerhaven aussehen sollte und könnte.

Mein Vortrag gliedert sich in vier Punkte: nach der Einleitung will ich Ihnen in einem zweiten Abschnitt einen Rückblick über die jüngsten Entwicklungen geben, um dann in einem dritten Abschnitt meine Ziele für Bremerhaven genauer zu umreißen. Viertens werde ich schließlich die Wege benennen, wie diese Ziele zu erreichen sein werden.

Als ich vor zweieinhalb Jahren das Amt des Oberbürgermeisters übernommen habe, war mir klar, dass die Zeit der großen und repräsentativen Bauten wie sie in den Havenwelten so unübersehbar sind, vorbei sein würde. Es ist eher unwahrscheinlich, dass derartige gewaltige öffentliche Investitionen wie für die Havenwelten in absehbarer Zeit noch möglich sein werden.

Nun kommt es darauf an, den inneren Zusammenhalt der Stadt und der Region zu entwickeln und zu verbessern. Es geht mir darum, die Stadt als funktionierendes soziales und kulturelles Gebilde zu erhalten und auszubauen.

Dabei ist die Rolle des Oberbürgermeisters eines demokratischen Gemeinwesens mit unsrer Stadtverfassung nicht so, dass er sagen könnte, wo es lang gehen muss, und alle ihm folgen. So einfach ist es nicht. Schon im Magistrat hat der Oberbürgermeister nur eine Stimme so wie alle anderen Magistratsmitglieder auch. Dort und in der Stadtverordnetenversammlung muss für alle Beschlüsse jeweils eine Mehrheit gefunden werden, was, wie Sie sich bestimmt vorstellen können, nicht immer leicht ist. Deshalb kann der Bremerhavener Oberbürgermeister vor allem Vorschläge machen, er kann organisieren und so mithelfen, dass bestimmte Prozesse in Gang gesetzt werden, die Stadt weiter zu entwickeln. Meine Rolle verstehe ich damit als Teil eines demokratischen Stadtentwicklungsprozesses.

Wer sich mit der Gegenwart und der Zukunft unserer Stadt beschäftigt, muss ihre Vergangenheit kennen. Man muss die besondere Identität unserer Stadt im Blick haben, das besondere Lebensgefühl und die Mentalität, die an unsere Stadt gebunden sind.

Zu diesem besonderen Lebensgefühl und zur besonderen Mentalität Bremerhaven gehört, dass sie erst durch die bremische Hafengründung 1827 zur Welt kam. Diese mutige und vorausschauende Tat des Bremer Senats hat die Grundlage dafür geschaffen, dass Bremerhaven heute die größte Stadt an der deutschen Nordseeküste ist. Die Konkurrenz der Unterweserorte wurde erst 1939 aufgelöst durch die Zwangsvereinigung zu Wesermünde. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurden die vereinigten Unterweserorte als Bremerhaven in das neu gebildete Bundesland Bremen integriert.

Diese späte Stadtgründung bewirkt auch – vielleicht vielfach unbewusst – ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber Städten mit sehr langer Geschichte, wie sie Bremen aufzuweisen hat. Doch ich meine, dass es dafür gar keinen Grund gibt. Wir können und sollten mit Selbstbewusstsein unsere Position behaupten als junge, lebensfähige, moderne und attraktive Großstadt mit besonderer maritimer Ausstrahlung. „Jung, modern, weltoffen“ stand viele Jahre lang als Begrüßung unserer Gäste gegenüber dem Hauptbahnhof. Ich finde, das ist immer noch eine gute Beschreibung des Lebensgefühls unserer Stadt.

Aus der besonderen und einmaligen Situation der eigentlichen bremischen Hafengründung 1827 heraus ist unsere Stadt davon geprägt, neben dem Zentrum in Bremerhaven-Mitte noch weitere Zentren in Lehe und Geestemünde entwickelt zu haben. Vor allem seit den 1970er Jahren ist versucht worden, in Bremerhaven Mitte ein Zentrum für die Gesamtstadt herzustellen. Das ist ein schwieriger städtebaulicher und emotionaler Prozess, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Vor allem das Verhältnis zwischen Zentrum und Nebenzentren, also zwischen Mitte und den Stadtteilen Geestemünde und Lehe ist noch nicht zufriedenstellend gelöst.

Ist das, was ich gerade beschrieben habe, ein inneres Moment unserer Stadt, das für die Mentalität der Bremerhavenerinnen und Bremerhavener keine geringe Bedeutung hat, so gibt es ein äußeres Moment zu berücksichtigen, das in der Wahrnehmung unserer Stadt eine wichtige Rolle spielt. Ich meine die Beschreibung von der „Randlage“, in der sich Bremerhaven befindet.

Es ist eine Frage der Perspektive und des Standorts, ob man diese geografische Lage als Nachteil oder als Vorteil empfindet. Binnenländer aus München, Hannover, Berlin, Köln oder Frankfurt werden leicht verführt sein, unsere Lage als Randlage zu verstehen. Doch wir sind ja als Hafenstadt gegründet worden. Wir sind zwar vielleicht aus Berliner Sicht am Rand Deutschlands, aber wir sind in einer zentralen Lage, was die globalen Warenströme angeht. Und wir sind für unsere Region, die Unterweserregion, das Zentrum: Der Hafen ist der Grund für die Entstehung der Stadt mit überregionalen Aufgaben, und die Stadt ist zugleich Kristallisationspunkt für die Region. Wenn wir das sehen, dann müssen wir uns nicht „neu erfinden“, sondern das Gewachsene mit Selbstbewusstsein weiter entwickeln

Nach diesem allgemeinen Rückblick auf die Gründung unserer Stadt und die daraus erwachsenen besonderen Mentalitäten möchte ich nun in einem zweiten Punkt meines Vortrags auf unsere jüngere Vergangenheit zurückblicken, die unsere Gegenwart im Wesentlichen bestimmt.

Wenn wir auf die vergangenen 70er, 80er und 90er Jahre zurückblicken, haben wir schwere Jahre erleben müssen - mit dem Zusammenbruch der Deutschen Fischereiflotte, dem Vulkankonkurs und dem Abzug der Amerikaner und dem damit verbundenen Verlusten von vielen Arbeitsplätzen. Dank kräftiger Hilfe unserer Landesregierung, des Senats in Bremen, ist es gelungen, dass wir für unsere Zukunft, für den Strukturwandel unserer Wirtschaft beträchtliche Mittel bereit gestellt werden konnten.

Auf drei Gebieten wurden in Bremerhaven erfolgreich Initiativen gestartet:

1. Ausbau der touristischer Attraktionen und die Neugestaltung der Mitte Bremerhavens

2. Stadt der Wissenschaft

3. Industriestadt/Hafenstadt

Ich will kurz als erstes Gebiet den Ausbau touristischer Attraktionen und die Neugestaltung der Mitte Bremerhavens betrachten.

Die gewaltigen öffentlichen Investitionen im Bereich Alter und Neuer Hafen haben durchaus auch bemerkenswerte private Investitionen angeschoben. So sind die ehemals industriell genutzten Flächen heute zu interessanten und das Bild unserer Stadt prägenden Havenwelten geworden, die für den Tourismus eine große Bedeutung haben. Aber dieser große Modernisierungsschub ist nicht nur für die Touristen wichtig, sondern auch für die Bremerhavenerinnen und Bremerhavener selbst. Bremerhaven wird nun als attraktive maritime Großstadt wahrgenommen.

Dennoch dürfen wir uns in diesem Bereich keinen Stillstand erlauben. Wenn die Havenwelten weiterhin attraktiv sein sollen, dann müssen sie immer wieder erneuert werden. Darauf lege ich großen Wert. Mit der Einweihung des neuen Deichs und des neu gestalteten Weserstrandbads haben wir dem Rechnung getragen. Im Herbst wird sozusagen die Keimzelle des Zoo am Meer, das Nordsee-Aquarium neu eröffnet. Ich denke, dass wir damit einen neuen Magneten für zahlreiche Besuche in den Havenwelten sowohl für Touristen als auch für unsere Bürgerinnen und Bürger bekommen werden.

Das neue, positive Image des Aufbruchs und der Innovation, gekoppelt mit der maritimen Tradition ist nachhaltig und tragfähig. Bremerhaven hat sich im positiven Sinne gewandelt! In Zukunft gilt es, diese Erfolge langfristig zu sichern und durch neue Impulse noch zu verstärken. Wir wollen dazu unseren Beitrag leisten, aber ich erwarte auch, dass die privaten Betreiber sich ebenfalls daran beteiligen. Denn es wird kaum möglich und sinnvoll sein, nur mit öffentlichen Mitteln neue Bauten zu entwickeln.

Es wird in Zukunft stärker darauf ankommen, dass die Bremerhavenerinnen und Bremerhavener diese neuen Möglichkeiten rund um die Havenwelten für sich im besten Sinne in Besitz nehmen und als ihre begreifen. Auch dafür benötigen wir Aufmerksamkeit und Engagement. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang die Bitte und die Erwartung aussprechen, dass ich mir wünsche, dass die neuen Bewohnerinnen und Bewohner rund um den Neuen Hafen sich aktivieren und ins Stadtleben mit einbringen. Es wäre fatal, wenn sich mit und in den Havenwelten ein von der übrigen Stadt abgetrennter Bereich entwickeln würde. Oder dass die weitere Entwicklung der Havenwelten auf Kosten der anderen Stadtteile Bremerhavens erfolgen würde.

Das zweite Gebiet, an dem sich Bremerhaven weiter entwickelt hat, ist der Bereich der Wissenschaft. Bremerhaven ist heute eine Stadt der Wissenschaft.

Dies belegt nicht nur die Tatsache, dass Bremerhaven gemeinsam mit Bremen offiziell 2005 „Stadt der Wissenschaft“ war. Bremerhaven hat seitdem sein Profil als Stadt der Wissenschaft weiter entwickelt.

Die Hochschule Bremerhaven hat mittlerweile einen herausragenden überregionalen und auch internationalen Ruf. Das besondere Studienangebot führte in den vergangenen Jahren zu einem stetigen Anstieg der Studentinnen und Studenten, allein seit 2000 ist sie um mehr als 90% angewachsen.
  • Darüber hinaus wurde das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) als überragende international angesehene Forschungseinrichtung ausgebaut. Klimaexperten ersten Ranges verankern mit ihren wichtigen Forschungsergebnissen Bremerhaven in der interessierten und allgemeinen Öffentlichkeit.
  • Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik ist für die Umsetzung der Energiewende von großer Bedeutung und festigt die Bedeutung Bremerhavens für die Offshore-Windenergie.
  • Das Deutsche Schiffahrtsmuseum ist als Forschungsmuseum Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und gehört fest zur maritimen Identität der Stadt.
  • Neben diesen Großeinrichtungen mit überregionaler und internationaler Ausstrahlung haben sich im Laufe der letzten Jahre weitere Forschungs- bzw. Wissenschaftseinrichtungen in Bremerhaven etabliert, ich nenne hier nur das TTZ mit seinen Instituten oder das Bio-Nord.

Insgesamt sind mittlerweile weit mehr als 1.000 Arbeitsplätze im Bereich der Wissenschaft in Bremerhaven etabliert. Davon profitieren durch viele Kooperationen auch regionale Unternehmen, außerdem schärfen sie das neue, innovative Profil Bremerhavens. Ein Problem will ich aber in diesem Zusammenhang nicht verschweigen: Aus meiner Sicht wohnen noch viel zu viele der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die hier in Bremerhaven tätig sind, in Bremen. Wenn es darum geht, ihr außerberufliches Knowhow und Engagement einzubringen, stehen zu viele von ihnen unserer Stadt noch fremd gegenüber. Dies zu ändern, bedarf es noch vieler Anstrengungen.

Das dritte und zweifellos immer noch wichtigste Gebiet, aus dem Bremerhaven seine Lebenskraft bezieht, sind die Häfen, die Hafenwirtschaft und die industriellen Bereiche.

Bremerhavens Wirtschaft ist es gelungen, sich nach den oben genannten strukturellen Verwerfungen wirtschaftlich neu auszurichten und eine Vielzahl neuer zukunftsweisender Arbeitsplätze zu schaffen:

Die Überseehäfen sind (nach Umschlagsmenge) der viertgrößte Seehafen Europas und weltweit der mit Abstand größte Umschlagplatz für Autos.
  • In der Offshore-Windkraft hat sich Bremerhaven kontinuierlich zu einem europäischen Schlüsselstandort entwickelt.
  • Die Werften haben sich neu strukturiert und konsolidiert.
  • Tradition, Kompetenz und Innovation sind die Grundlage für die sehr erfreuliche Entwicklung der Lebensmittelindustrie im Fischereihafen.

Insgesamt wurden zwischen 2005 und 2012 fast 7.000 zusätzliche Arbeitsplätze im Bereich von Industrie, Hafen und Logistik geschaffen.

Die oftmals beklagte Randlage unserer Stadt ist für alle Bereiche, die den Hafen benötigen, ein Standortvorteil.

Gerade in den Häfen lässt sich deutlich erkennen, dass erfolgreiche Wirtschaftsstrukturpolitik auf dem Bestehenden aufbauen muss. Die kreative Weiterentwicklung der lokalen und regionalen Potentiale ist der Schlüssel zum Erfolg.

Ich komme nun zum dritten Hauptpunkt meines Vortrags, der Zielbestimmung. Ich beginne mit einem Zitat:

„Die Politik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend von ihren höheren Anliegen verabschiedet und sich auf Management und Technokratie reduziert. Was wir brauchen, ist eine neue Politik des Gemeinwohls, die weniger zögerlich ist als in den letzten Jahrzehnten und eindeutig Stellung bezieht zu Konzepten von Gerechtigkeit und Bürgersinn.“ Das hat kürzlich Peer Steinbrück formuliert. Diese Auffassung teil ich.

Ich denke, wir müssen uns anstrengen, eine Stadt für alle zu sein. Eine Stadt, die einzelne Bereiche abschottet, in denen sich verschiedene Gruppen eigene Kindertagesstätten und Schulen, abgeschlossene Wohngebiete oder Einkaufsbereiche schaffen, wäre eine Stadt, die auseinander fällt. Nein, dafür stehe ich nicht. Was wir gemeinsam erreichen müssen, ist eine Stadt, die durch eine Urbanität geprägt ist, in der die öffentlichen Räume für alle da sind, in denen sich jeder, der das will ohne Beschränkung aufhalten kann und das auch gerne will, weil er sich überall sicher fühlen kann. Und mir ist es in diesem Zusammenhang besonders wichtig zu betonen, dass all die neu hergerichteten Flächen im Bereich der Havenwelten, zu denen auch der zuletzt ertüchtigte Deich gehört, öffentlich und kostenlos zugängliche Areale sind. Dass man für Einrichtungen wie den Zoo, das Deutsche Schiffahrtsmuseum, Klimahaus oder Auswandererhaus Eintritt bezahlen muss, ist natürlich klar. Doch alle Freiflächen sind und werden weiterhin frei zugänglich sein.

Lassen Sie mich nun in einigen Punkten sagen, wie ich mir Bremerhaven im Jahr 2027, also in 14 Jahren vorstelle:

  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, die mit den Gemeinden im Umland in enger Beziehung lebt, die über die administrativen Grenzen hinweg freiwillig gemeinsame Projekte betreibt.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, in der alle, die es wollen und können, auskömmliche Arbeit finden.
  • Bremerhaven 2027 ist eine weltoffene Stadt, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft ein Zuhause finden und gut nachbarschaftlich miteinander leben.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, die sympathisch ihre maritimen Traditionen pflegt und die sich als Klimastadt ihrer Verantwortung für den Planeten Erde bewusst ist. Das gilt für die private Lebensweise wie für die Wirtschaft, die sich mit klimabewussten Unternehmen innovativ zeigt. 2027 werden wir wahrscheinlich in den meisten Fällen aufs private Auto verzichten und stattdessen öffentliche Verkehrsmittel und verstärkt das Fahrrad benutzen.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, die viele Quartiere erneuert hat und urbanes Leben ausstrahlt, so dass die Stadt und ihr unmittelbares Umfeld ein begehrter Wohn- und Arbeitsort ist für junge genau so wie für ältere Menschen sowie für Fachkräfte aus anderen Regionen. Sie werden die treibenden Kräfte für innovative ökonomische, soziale und kulturelle Entwicklungen sein.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, in der es eine gute Versorgung mit medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Leistungen gibt.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, in der ein klar verständliches Schul- und Bildungswesen existiert, das allen Bürgerinnen und Bürgern unabhängig von ihrer sozialen Zugehörigkeit und ihrer Herkunft die bestmögliche Bildung ermöglicht.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, in der jungen Familien Kinderbetreuung geboten wird, bei der Familie und Beruf keine Gegensätze mehr sind.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, die rund um die großen Institutionen wie Stadttheater, Stadtbibliothek, Kunstmuseum etc. ein aufregendes kulturelles Leben bietet, das die Kulturen der Welt auf spannende und unterhaltsame Weise zugänglich und erlebbar macht.
  • Bremerhaven 2027 ist eine Stadt, in der eine Universität des dritten Lebensalters Menschen jenseits der Arbeitsphase Teilhabe an der Wissensgesellschaft bietet.

Wenn Sie im Wesentlichen diesen Zielen zustimmen werden, stellt sich natürlich die Frage, wie wir dorthin kommen. Dieses Wie will ich im Folgenden versuchen zu beantworten:

Klar ist, dass sich die deutschlandweit übergeordneten demografischen Prozesse auch in Bremerhaven weiter auswirken werden. In Bremerhaven werden daher aller Voraussicht nach auch künftig die Kinderzahl langsam ab- und der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung zunehmen. Nach den aktuellen Vorausschätzungen wird es 2027 etwa 25% mehr hochbetagte Einwohner im Alter 80+ geben als heute – gleichzeitig wird die Zahl der Kinder im Vorschulalter voraussichtlich um mehr als 10% zurückgehen. Die Stadt wird sich diesen Entwicklungen stellen und Angebote und Infrastrukturen entsprechend anpassen müssen. Verglichen mit vielen anderen Städten und Regionen, vor allem auch mit den umliegenden niedersächsischen Gemeinden sind die Entwicklungen aber vergleichsweise moderat:

Bremerhaven und andere attraktive Großstädte werden sich vermutlich stabiler entwickeln können als viele ländliche Gemeinden, denn viele jüngere Menschen zieht es in die Städte. Daher sollten Bremerhavens Perspektiven durchaus zuversichtlich stimmen, vor allem in Anbetracht des gelungenen Strukturwandels und der Vielzahl neu geschaffener „Leuchttürme“.

Ein solcher Leuchtturm ist die Weiterentwicklung des Gewerbegebiets Bohmsiel. Wir stehen kurz vor dem Abschluss, dass Ikea sich dort ansiedelt. Es wird in zielführenden Verhandlungen mit den Naturschutzverbänden möglich sein, einen vernünftigen Ausgleich zu schaffen, der die verschiedenen berechtigten Interessen berücksichtigt. Das ist kein einfacher Weg, aber ein lohnender. Mit brachialen Mitteln wären wir auf jeden Fall nicht zum Ziel gekommen.

Fest steht in Beziehung auf die demografische Entwicklung: Bremerhaven wird sich auch künftig als innovativ und flexibel erweisen müssen, um im regionalen, deutschlandweiten und internationalen Standortwettbewerb attraktiv zu bleiben.

Dazu gehört, die Stadt durchlässiger zu gestalten und das Verhältnis von Zentrum und Nebenzentren neu zu ordnen. Entsprechende Untersuchungen wurden bereits angestellt, die nun mit den Politikerinnen und Politikern in der Stadtverordnetenversammlung und Interessierten in den Stadtteilkonferenzen besprochen werden müssen. Denn es ist klar, dass die Stadt in ihrer räumlichen Aufteilung sozialer werden muss und die Vorteile des urbanen Raums mehr ausspielen muss: das Auto als beherrschendes Element wird in der Stadt eine geringere Rolle spielen, um so neue öffentliche Räume zu erschließen. ÖPNV/Fahrrad und zu Fußgehen werden sozial und ökologisch die beste Möglichkeit sein, Distanzen zu überwinden. Dafür müssen konkrete Vorstellungen entwickelt werden. Erste Untersuchungen habe ich dazu veranlasst und die ersten Ergebnisse wurden vor wenigen Wochen präsentiert.

Auch wenn es etwas länger gedauert hat als auch von mir gewünscht, wird auf dem ehemaligen Kistnergelände in Lehe eine Lösung in Angriff genommen, die den Stadtteil stärkt.

 


Außerdem wird Bremerhaven sich dauerhaft und verstärkt mit dem Thema Migration bzw. Integration auseinandersetzen müssen. Wir haben ein Integrationskonzept zu erarbeitet, das nun mit Leben erfüllt werden muss. Denn das steht unzweifelhaft fest: Das Geburtendefizit kann nur durch Zuzüge von Neubürgern ausgeglichen werden und diese wandern nach Erkenntnissen der Fachleute zu beträchtlichen Anteilen aus dem europäischen Ausland zu. Das bedeutet, dass das Ziel langfristig stabiler Einwohnerzahlen zwangsläufig auch mit einem stetigen Zustrom von Migranten einhergehen wird. Dies sollte nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrgenommen werden. Als Hafenstadt war Bremerhaven immer eine Stadt, die von ihren internationalen Verflechtungen profitieren konnte. Allerdings gilt für diese neue Zuwanderung zweierlei: 1. Wir müssen echte Angebote zur Integration in unsere Gesellschaft anbieten. Und 2. müssen die Einwanderer bereit sein, sich auf unsere Gesellschaft einzulassen. Voraussetzung dafür ist, die deutsche Sprache zu beherrschen.

Generell gilt, dass wir darauf achten müssen, die Lebenschancen aller hier in unserer Stadtgesellschaft lebenden Menschen ungeachtet ihrer Herkunft zu verbessern. Nur so erhalten wir die notwendige Chancengleichheit und bewahren sozialen Frieden. Wenn der Eindruck entsteht, dass einzelne Gruppen durch öffentliche Zuwendungen im Vorteil sind, würde das die Integration empfindlich stören. Über das Projekt „Lernen vor Ort“ werden gegenwärtig in diesem bereits Strategien und Wege vorbereitet.

Die Wohnungsunternehmen sind gut beraten, ihren Bestand und ihre Dienstleistungen an den zu erwartenden demografischen Entwicklungen rechtzeitig zu orientieren. Eine der wichtigsten Aufgaben, die daraus resultiert, ist die Gewährleistung altengerechten Wohnens und damit langer Teilhabe an der Stadtgesellschaft. Wir haben uns als Stadt an einem Modellversuch dazu beteiligt und wollen auch in Zukunft neue Wohnformen für unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger unterstützen. Denn die Wohnwünsche werden immer differenzierter und ausgeprägter. Noch sind es oftmals Marktnischen, in denen sich nur wenige Kunden aller Altersklassen bewegen, die wiederum nicht selten Schwierigkeiten haben, einen passenden Partner auf der Vermieterseite zu finden. Doch schon die zunehmende Nachfrage nach Angeboten für Gemeinschaftliches Wohnen zeigt die Dynamik in einigen Marktsegmenten.

Die Wohnungsgesellschaften und die Kommune werden sich stärker darauf einstellen müssen. Mit der STÄWOG und den anderen ehemals gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften hat die Stadt gute und verlässliche Partner für diese Entwicklung. Diese Entwicklung schließt im übrigen auch ein, den schon zu verzeichnenden und auch zukünftig zu erwartenden hoch qualifizierten Facharbeitskräften in Bremerhaven selbst angemessenes Wohnen zu ermöglichen. Auch in dieser Hinsicht bieten unsere Altstadtquartiere interessante Perspektiven, die ergriffen werden müssen.

Den Weg in ein attraktives Bremerhaven 2027 können wir nur beschreiten, wenn Bremerhaven als das Zentrum einer Region begriffen wird. Deshalb müssen wir über unsere administrativen Grenzen hinaus denken und handeln. Ein Schlüsselwort ist dafür, dass sich Bremerhaven neben der Einbindung ins Regionalforum mit seinen unmittelbaren Nachbarn Langen bzw. Stadt Geestland, Loxstedt und Schiffdorf als Stadtregion begreift.

Dafür ist eine verstärkte Zusammenarbeit innerhalb der Stadtregion Bremerhaven nötig und neue Modelle des Miteinanders auch auf der Ebene der Verwaltungen sind gefragt.

Dafür gibt es bereits funktionierende Beispiele:

  • der bereits am 21. Dezember 2007 zwischen Stadt Bremerhaven und Landkreis geschlossene Vertrag über den freien Zugang zu den Oberstufen im Altkreis Wesermünde und Bremerhaven ist ein erster Schritt zu der notwendigen neuen Gemeinsamkeit
  • die Rettungsleitstelle bei der Bremerhavener Feuerwehr für Bremerhaven und für die Landkreise Cuxhaven und Osterholz zeigt, wie für die Region ökonomisch vernünftig und sachlich angemessen gehandelt werden kann.
  • die Dienstleistungen der BIT können auch für die Umlandgemeinden wahrgenommen werden, wie sich bereits jetzt in dem einen oder anderen Beispiel abzeichnet.

Das sind Beispiele für gelungene Kooperationen, ohne die Selbstständigkeit der teilnehmenden Gemeinden in Frage zu stellen. Ich denke, wir werden auf diesem Weg voranschreiten und sollten vermehrt interkommunale Vereinbarungen treffen. Das gilt zum Beispiel auch für die Entwicklung neuer gemeinsamer Gewerbegebiete.

Auf dem Weg zu Bremerhaven 2027 gehört auch die bessere Zusammenarbeit im Gesundheits- und Krankenhauswesen. Ich meine, dass die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt und des Umlands das Recht darauf haben, in Krankheits- und Notfällen die bestmögliche Betreuung zu bekommen. Ein Ergebnis der vielen Gespräche, die ich in den vergangenen drei Jahren geführt habe, ist, dass wir auf mittlere Sicht die nun bestehenden beiden Krankenhausträger miteinander verschmelzen müssen, um teure und im Grunde unbezahlbare Konkurrenz und Doppelstrukturen zu vermeiden. Dies wird in partnerschaftlich zu führenden Gesprächen erreicht werden.

Nicht in Frage gestellt wird der Stellenwert des Bremerhavener Stadttheaters und der anderen großen kulturellen Institutionen wie Stadtbibliothek, Kunsthalle und Kunstmuseum, Jugendmusikschule. Allerdings sehe ich auch auf diesem Gebiet zusätzliche Möglichkeiten der besseren Kooperation mit unseren Nachbargemeinden.

Zu den Bereichen, die die Stadt und die Region stärken, gehört natürlich auch die Fusion der beiden hier tätigen Sparkassen. Wir sind gemeinsam mit den Beteiligten – trotz der schwierigen Materie, unterschiedlicher Kulturen und gesetzlicher Unterschiede, die die beiden Sparkassen besitzen, auf einem guten Weg, ein schlagkräftiges und starkes Kreditinstitut zu schaffen. Das ist das Rückgrat für die organische ökonomische Entwicklung unserer Region. Das ist mir ein wichtiges Anliegen.

Was ich mir wünsche auf diesem Weg ist die verstärkte Mitarbeit von Menschen, die sich verantwortlich für das Gemeinwohl unserer Stadtregion fühlen und die ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Fähigkeiten einbringen wollen. Dabei könnte ein neu zu schaffendes Bündnis für Bremerhaven mithelfen. In einem solchen parteiübergreifenden Bündnis könnten sich möglichst viele Menschen aus unserer Region einbringen zum Beispiel zu den Themen bzw. Projekten Integration, Kinder und Jugend, Senioren, Soziales, Stadtkultur.  Die bereits bestehenden Einrichtungen wie der Spendenfonds „Kinderfreundliches Bremerhaven“, „Bürgerstiftung“ oder auch WIN (Wohnen in Nachbarschaft) und Freiwilligenagentur sowie weitere können in einem solchen Bündnis vernetzt und ausgebaut werden. Dazu möchte ich gerne den nötigen Anstoß geben. Denn eine lebendige Stadt braucht rege und lebendige Bürgerinnen und Bürger, die sich mit ihrer Stadt und ihrer Region identifizieren und gerne in ihr leben und stolz sind auf ihr Zuhause, ihre Heimat.

Um die oben genannten Ziele zu erreichen, befinden wir uns mit zahlreichen Projekten bereits in der Realisierungsphase.

Für die Weiterentwicklung der Havenwelten und der touristischen Attraktivität unserer Stadt soll im Bereich des Klimahauses ein Informationszentrum zum Thema Offshore Windenergie errichtet werden. Damit wird ein weiterer wichtiger Baustein im Profil Bremerhavens als Klimastadt fertig gestellt. Auch im Fischereihafen als dem zweiten touristischen Standbein muss die Entwicklung vorangetrieben werden u. a. durch den Ausbau des Seefischkochstudios und des Forums. Ich gehe weiterhin davon aus, dass es uns gelingt, eine Fußgängerbrücke zwischen Fischkai und Kohlenkai zu schlagen, um den nicht zuletzt aus touristischen Überlegungen gewünschten Rundlauf zu erreichen.

2. Setzen wir alles daran Bremerhaven als Wissenschaftsstadt auszubauen. Dazu gehört, die Hochschule Bremerhaven zu stärken und die Zahl der Studierenden weiter zu erhöhen. Bremerhaven will auch eine Studentenstadt werden und bietet für diese Zielgruppe gemeinsam mit den Wohnungsgesellschaften gute Voraussetzungen, hier positiv zu wirken.

Im Fischereihafen werden bis 2016 die Thünen-Institute für Seefischerei und für Fischereiökologie ihren Sitz finden. Im vergangenen Oktober wurde der Architektenwettbewerb für den Neubau entschieden. Diese Institute werden eine wichtige Bereicherung der Forschungslandschaft Bremerhavens sein.

3. Im Bereich der industriellen Basis unserer Stadt sind bereits wichtige Weichenstellungen erfolgt. Die wichtigste ist die zu Errichtung des Offshore-Terminals am Blexer Bogen. Auch dieses Projekt kann man – wie so viele – nicht durch Machtworte aus dem Boden stampfen, sondern es bedarf der geduldigen Überzeugungsarbeit auf vielen Gebieten. Ich bin zuversichtlich, dass in den nächsten Jahren der OTB entstehen wird und Bremerhavens herausragende Stellung im Bereich der Offshore-Windenergie festigen wird.

Im Bereich der Werften gibt es eine Neuordnung, die sich vor allem auf das Reparaturgeschäft spezialisiert und überhaupt Spezialwissen und –kenntnisse vorantreibt. Der Neubau eines Großdocks wird von den politischen Gremien unterstützt. Allerdings möchte ich betonen, dass die letzten Entscheidungen auf diesem Gebiet unternehmerische Entscheidungen mit der Letztverantwortung bei den Kapitaleignern sind.

Nicht zuletzt wird unsere ganze Aufmerksamkeit der Entwicklung unserer Häfen gelten. Sie garantieren, dass Bremerhaven sich eben nicht in einer Randlage befindet. Damit dieses nicht eintritt, ist der Hafentunnel von überragender Bedeutung. Der Hafentunnel ist finanziert. Es liegt ein Planfeststellungsbeschluss vor. Ich bin mir sicher, dass die gerichtliche Auseinandersetzung zu unseren Gunsten entschieden wir. Von daher gehe ich feste davon aus, dass wir in Kürze mit dem Bau beginnen können. Die Stadt Bremerhaven hat dazu alle nötigen Vorleistungen erbracht.

Es ist ein grober Überblick, den ich naturgemäß hier geben konnte. Aber ich hoffe, dass Sie einen Eindruck davon bekommen, vor welcher Aufgabe wir alle stehen, denen Bremerhaven am Herzen liegt. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bitte Sie um Ihre Mithilfe, um ein lebenswertes Bremerhaven heute und im Jahr 2027 zu schaffen und zu erhalten.

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