Mit der „Bollertonne“ auf der Reeperbahn: Bremerhavener chartern Bus zum Schlagermove

„Ein bisschen Spaß muss sein..“ - ob Roberto Blanco sich 1972 schon ausmalen konnte, dass sein größter Hit einmal zur Hymne einer ganzen Partybewegung werden würde? Ein Beweis dafür lässt sich schlecht finden. Blanco selber würde sich diesen Weitblick sicherlich auf seine Fahnen schreiben. Sei es, wie es ist: seit mittlerweile 16 Jahren lebt regelmäßig, einmal im Jahr, eine halbe Million Schlagerverrückter seinen Song, wenn sie über den Hamburger Kiez toben. Schlagerfreunde aus ganz Deutschland feiern beim Schlagermove in Hamburg die Musik, die so charakteristisch für Schlaghosen, Plateauschuhe und Pril-Blumen steht. Mittendrin: eine illustre Truppe aus Bremerhaven, die einen kompletten Groß-Bus zur Kult-Party gechartert hat.

„Wie wir darauf gekommen sind? –aus Blödsinn halt“, sagt Andreas Hanstein betont lässig. „Ja, und wegen der schönen Haare damals“, ergänzt Andreas Labetzke, dessen Haar und Lockenprachtzeit ungefähr so lange her ist, wie Ralf Siegels letzte Erfolge beim Grand Prix. Die beiden gehören zu einer Bremerhavener Truppe, die Spaß an außergewöhnlichen Partys hat. Seit mehr als zwanzig Jahren veranstalten sie jede Menge „Dummes Zeug“ wie sie es gerne selber nennen. „Dummes Zeug“ - das sind besondere Feiern und Veranstaltungen, in deren Individualität die Truppe förmlich aufgeht.

Die Gruppe, zu der zwischen 30 und 50 Leuten gehören, fährt beispielsweise seit über 20 Jahren mit selbstgebauten Schaum-Maschinen und ausrollbaren Zebrastreifen zur Riesen-Pfingstfete nach Albersdorf in Schleswig-Holstein. Einem echten Mekka für Partyindividualisten. Seit vielen Jahren organisieren sie auch Mottopartys auf einem Gartengrundstück in Reinkenheide – alles dabei von der 70er-Jahre- bis zur Bommelmützenparty). Beim Bremerhaven Marathon haben sie - als dieser noch entlang der Langen Straße verlief - Anheizerpartys veranstaltet. „Man könnte sich berechtigterweise die Frage stellen: Warum tun wir uns das eigentlich an? Wir betreiben einen Riesenaufwand, um die Läufer anzuheizen und hören uns dann den ganzen Tag lang nur zwei Lieder aus der Filmmusik von Rocky an, bis die Ohren bluten“, sagt der eine Andy. „Weil es einfach Spaß macht, etwas gegen den Mainstream zu machen, und den Läufern hat‘s auch sehr gefallen“, sagt der Andere.

Nachdem die beiden Andys den Plan gefasst hatten, nach Hamburg zum „Schlagermove“ zu fahren, mussten sie erst mal sehen, wie sie hinkommen und wieviele Leute mitwollen. „Morgens hinfeiern, da abfeiern und abends dann wieder zurückfeiern“, so war der grobe Plan für das Unterfangen. Der Kontakt zu einem Busunternehmer war schnell gefunden und ein guter Preis „ausgedealt“ (Labetzke). Dann ging es an die Akquise der Gäste. Die Beiden drehten kurzerhand ein kleines Internetvideo, das sie als Einladung in ihrer Facebook-Gruppe und auf YouTube posteten. „Innerhalb von drei Tagen war der Bus schon so voll, dass die Tour stattfinden konnte“, sagt Hanstein stolz.

„Es geht uns dabei nicht um die Musik, mehr um die Party und ums Verkleiden“, sagt der eine Andreas, während der andere einfügt: „Aber die Musik ist auch nicht schlecht“. Die Bremerhavener wollen den Hamburgern einfach mal zeigen, dass sie auch ganz schön rocken können. Labetzke, der schon mehrfach beim Schlagermove war, ist von der Hamburger-Party-Szene schwerstens begeistert. „Aber wir können das auch ganz gut“, ergänzt er selbstbewusst. Hanstein hat, wie zum Beweis dieser Aussage, extra für Hamburg mal eben schnell eine alte Biotonne zu einer rollenden „Jukebox“ umgebaut. „300 Watt und eine riesige Pril-Blume als Antenne oben drauf“, betont er in einem Slang, der einem Werner-Comic entsprungen zu sein scheint. „Bia, Bockwuast und Bollonesee“, schiebt er noch schnell nach.

An der Bremerhavener Stadthalle startet die Tour am Sonnabend um 10.30 Uhr. Der „Move“ startet um 15 Uhr und von Hamburg aus zurück soll es ungefähr 20 Uhr gehen. Inzwischen sind auch die letzten freien Plätze im Bus vergeben, doch die kreativen Partymacher basteln schon wieder an der nächsten Idee. „Vielleicht machen wir ja mal was mit einem Opernbesuch“, sagt Hanstein mit tiefernstem Gesichtsausdruck. „Aber nur wenn die uns mit unserem Bollerwagen reinlassen und wir mindestens eine Arie mitsingen dürfen“, bricht es dann laut schallend aus ihm heraus. „Am 3. Oktober ist erst mal Abbaden am Spadener See und dann mal sehen, was kommt“. Man darf also weiter gespannt sein. Marco Butzkus


Schlagermove:
Seit 1997 gibt es den Schlagermove in Hamburg St.Pauli. Regelmäßig Ende Juni /Anfang Juli treffen sich dort bis zu 600.000 Schlagerbegeisterte, die sich quietschbunt verkleiden und zur Schlagermusik aufgelassen feiern. Diese Musik kommt von den bis zu 44 Trucks, die mit riesigen Anlagen bestückt den ganzen Stadtteil beschallen. Der Move dreht dann wie eine Schlagerkarawane zwei Runden auf einem fest definierten Parcours entlang der Landungsbrücken, des Fischmarktes, der Reeperbahn und schließlich dem Heiligengeistfeld, wo er startet und auch wieder endet