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„Joie de vivre à la française?“: deutsch-französischer Stammtisch im Herzen von Lehe

Gehören Sie auch zu diesen Menschen die „Ganz Paris..“ sofort mit „..denkt an die Liebe“ vervollständigen? Fällt Ihnen zu Frankreich mehr als Baguette und Rotwein ein? Wenn Sie an dieser Stelle zweimal laut und deutlich „Oui“ gesagt haben, sollten Sie sofort Ihren Kalender herausholen und den ersten Mittwoch im Monat mit einem dicken blau-weiß-roten Kringel markieren. An diesem Tag nämlich liegt Frankreich mitten in Bremerhaven – genauer gesagt in Lehé (mit Accent aigu). Dort - im Restaurant „La Cigale“- trifft sich der Deutsch-Französische-Stammtisch, um herzhaft zu schwatzen, genießen und zu singen – selbstverständlich in fließendem Französisch.

Angefangen habe alles vor rund sechs Jahren, erfahre ich von einer der Initiatorinnen des Stammtisches: Brigitte Fontaines-Rojahn. Damals zog es eine Dame aus Lüneburg nach Bremerhaven. So fern der Heimat - wie der Heide, vermisste die Neubremerhavenerin vor allem ihren französischsprachigen Stammtisch, den es in ihrer alten Heimatstadt an der Ilmenau gab. Enthusiastisch und mit jeder Menge „verve“ (Schwung) legt sie sich ins Zeug und in der Stadtbibliothek und anderen öffentlichen Orten kleine Zettel aus. Voller Hoffnung, andere Menschen zu finden, die das „extra sentiment“ (das besondere Gefühl) in sich trugen. Heute – sechs Jahre später - ist der Erfolg ihrer Bestrebungen regelmäßig leb- und vor allem erlebbar: an diesem speziellen Ort, dem „La Cigale“, mitten im Goethequartier in Bremerhaven-Lehe.

Und speziell ist dieser Ort im wahrsten Sinne des Wortes. An den Wänden des kleinen Restaurants finden sich unzählige Poster, Bilder, Karten und Spiegel, die keine zwei Meinungen über die Intention des Innengestalters lassen. Alles steht im Zeichen der „Drepeau Tricolore“, der französischen National-Flagge. Die Theke wird von Weinfässern, Flaschen und Blumen dominiert und natürlich darf auch der obligatorische Eifelturm nicht fehlen, der stolz den Kopf der Zapfanlage säumt. Mittendrin der Wirt des „La Cigalle“: Arild Rechtsprecher. Ein frankophiler Kölner, der in Paris studiert, gelebt und gearbeitet hat und den es zusammen mit seiner Frau 1985 nach Bremerhaven verschlug. „Der Wirt liebt Frankreich und er spricht die Landessprache akzentfrei“, schwärmt Brigitte Fontaines-Rojahn, die selber gebürtige Französin ist.

Der Stammtisch, der sich hier jeden ersten Mittwoch im Monat trifft, ist offen für alle, die gerne französisch sprechen oder Liebhaber der französischen Kultur sind. Es gibt Franzosen, Französischlehrer, Freunde der französischen Lebensart und Deutsch-Französische Kinder. Für Fontaines-Rojahn ist es besonders wichtig deutlich zu machen, dass es sich um keinen Verein handelt. „Jeder darf kommen und gehen wie und wann er möchte“, betont die Wahlbremerhavenerin. Trotzdem erscheinen jeden Monat 20 bis 25 Personen, die „Fromage, Vin et Culture“ genießen möchten. Regeln gebe es nur eine: Es wird französisch gesprochen - und zwar ohne Wenn und Aber.

Das beginnt bereits mit der Begrüßung, setzt sich bei der Bestellung fort und mündet in den plaudernden Tischgesprächen. Wenn jemandem ein bestimmtes Wort nicht sofort einfällt, umschreibt er es so lange, bis ein anderer den passenden Begriff einwirft. Fast fühlt man sich an den Französisch-Leistungskurs in der Obersekunda erinnert - nur, dass es dort keinen Rotwein und deutlich weniger zu lachen gab, als in dieser Runde. „Gesungen wird bei uns auch“, so Fontaines-Rojahn. „Alles vom Chanson über das Volkslied bis hin zu Hymnen“, ergänzt sie.

Wie zum Beweis dafür stimmt plötzlich jemand das Lied von Lili Marleen an. „Tous deux, Lili Marleeeen“ klingt es gleichzeitig aus 40 Kehlen – Völkerverständigung scheint so leicht wie der Geist des Weines. Besonders stolz ist man hier darauf, dass sich in Bremerhavens Partnerstadt Cherbourg inzwischen ein französisch-deutscher Stammtisch gegründet hat, zu dem man sehr gute Kontakte unterhält. Es gibt regelmäßig gegenseitige Besuche. Bereits im April werden die Franzosen wieder in Bremerhaven erwartet.

Die Kontakte in die französische Partnerstadt sind generell recht gut, was sich auch durch den einen oder anderen Spontanbesuch zeigt. So ist am heutigen Abend der stellvertretende Bürgermeister Jean Claude Magalhaes zu Gast. Magalhaes, der derzeit eine Ausstellung zum 50. Jubiläum des Elysee-Vertrages (22.01.1963) vorbereitet, ist ein Fan des Stammtisches. Er sieht darin eine echte Bestätigung für die gute Arbeit der Politik - sowohl in Bremerhaven wie in Cherbourg. Aus seiner Sicht lebt der Stammtisch den politischen Willen nach freundschaftlichen Beziehungen und kulturellem Austausch zwischen beiden Völkern.

Brigitte Fontaines-Rojahn und die anderen Besucher des „Le Stammtisch“ genießen an ihren Abenden vor allem das leichte französische Lebensgefühl. Im „le petit Restaurant“, mitten im Herzen von Lehe, entfesselt sich gerade wieder eine Woge von Bohème. Irgendjemand stimmt ein Lied an, das dankend aufgegriffen wird. Die Gläser werden gehoben und man nickt sich wohlwollend zu. Frankreich ist hier. Heute – und an jedem weiteren ersten Mittwoch im Monat: Bonne? – Oui!   Marco Butzkus

 

Deutsch-Französischer-Stammtisch

Jeden 1. Mittwoch im Monat
ab 19.30 Uhr

Treffpunkt:
Restaurant "La Cigale"

Adresse:
Goethestraße 31
27576 Bremerhaven

 0471 42251

 

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