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In einer Krise die Chance erkennen: Werftenchef Dieter Petram im Interview

Dieter Petrams neuer Firmensitz befindet sich im „New Port“, einem neuen Gebäude, direkt am Neuen Hafen gelegen. Die Räumlichkeiten sind hell und modern eingerichtet. Funktionale Räume mit großen Fenstern, die einen beeindruckenden Blick in die Havenwelten gestatten. Wuchtige Möbel oder maritimen „Schnick-Schnack“ sucht man vergebens. Stattdessen moderne Kunst an den Wänden und eine selbst gestaltete Collage in einer Ecke. Sie zeigt, wie das „Dock V“ von New Orleans nach Bremerhaven geschleppt wird. Ein Meilenstein in Petrams Unternehmensgeschichte. Auf einer Holzplakette direkt daneben wurde der Rest des Flaschenhalses der Sektflasche angepinnt, mit dem das Dock getauft wurde. Ein kleiner Rückblick an das Geleistete. Ein Stückchen verdienter Stolz zum hingucken.

Frage: Herr Petram, wie wird man Werftchef?

Dieter Petram: (Lacht) vielleicht dadurch, dass man zur richtigen Zeit eine Chance entdeckt und sie dann auch konsequent nutzt. Erfolg fällt einem ja nicht einfach zu, man muss hart daran arbeiten. Bei mir gab es eine ganze Reihe von Situationen, Lebensmomenten und Faktoren, die mich letztlich dorthin geführt haben, wo ich heute stehe. Bei allen wirtschaftlichen Entscheidungen habe ich immer die für mich persönlich wichtigste Erkenntnis des Lebens berücksichtigt: Alles im Leben verändert sich ständig - wenn man sich nicht mitverändert, dann bleibt man auf der Strecke. Ich habe in jeder Krise auch immer die Möglichkeit einer Chance gesehen und mich darauf konzentriert diese zu nutzen.

 

Frage: Diese Fähigkeit ist wohl nicht jedem gegeben. Woher kommt diese Eigenschaft bei Ihnen?
 

Dieter Petram: Vermutlich aus meiner persönlichen Lebensentwicklung selbst. Mein Vater hatte in Lemwerder einen Schlossereibetrieb. Ich habe den Beruf des Yacht- und Bootsbauers erlernt und anschließend an der Hochschule für Technik in Bremen Schiffbau studiert. Dann verstarb mein Vater ganz plötzlich und ich musste mit gerade einmal 21 Jahren die Firma übernehmen. So ein Sprung ins kalte Wasser prägt einen. Ich hatte plötzlich eine große Verantwortung und habe überlegt, wie ich die Firma aufstellen möchte und ausgelotet, welche Möglichkeiten ich habe. Das mache ich bis heute bei allen geschäftlichen Entscheidungen so. Dabei fiel mir dann auf, dass an Bord der Schiffe im Bremer Hafen viel Arbeit wartet. Ich habe also Werkzeug auf unseren alten Hanomag-Laster geladen und bin in den Hafen gefahren, um meine Arbeitsleistung dort direkt auf den Schiffen anzubieten. Das hat geklappt. Ich habe dann sehr genau kalkuliert und war der Erste der dort Arbeiten zum Festpreis angeboten hat. Dadurch habe ich mir schnell den Ruf erworben, sehr zuverlässig und kostengünstig zu sein. Das war der Einstieg.

 

Frage: Auf den dann was genau folgte?

Dieter Petram: Eine der Chancen, die ich ansprach, war Anfang der 1970er Jahre und der Container startete als neue Transporteinheit seinen Siegeszug um die Welt. Die meisten Schiffe waren aber noch konventionelle Frachter und die Reeder wollten diese Schiffe zunächst für den Containertransport umrüsten, anstatt gleich komplett neue bauen zu lassen. Ich hatte das in den Bremer Häfen schon einige Male gemacht und diese Fachqualifikation führte mich 1978 auf die Seebeck-Werft nach Bremerhaven. Die gehörte damals noch zum Krupp-Konzern und hatte so viele Umrüstungsaufträge, dass ich dann nur noch auf der Werft gearbeitet habe. Acht Jahre später wurde ich Teilhaber des Unternehmens, das seitdem Bremerhavener Dockgesellschaft - kurz BREDO - heißt.

 

Frage: Das klingt nach mehreren gut genutzten Chancen, wie ging es dann weiter?

Dieter Petram: Mitte der 1990er Jahre standen die Bremerhavener Motorenwerke (MWB) zum Verkauf. Das war kurz vor der großen Vulkan-Krise, von der ja auch die BREDO betroffen war. Ich hatte Ideen wie man die MWB neu ordnen und umstrukturieren konnte und habe den Betrieb dann gekauft. Zehn Jahre später haben wir in den USA das „Dock V“ erworben. Schon damals habe ich davon geträumt, alle Bremerhavener Reparaturwerften in einem großen Werftenverbund miteinander zu vereinigen, damit alle möglichen Synergien ausgenutzt werden können. Schließlich benötigt keine Werft drei Kupferschmieden. Mit dem Erwerb der Lloyd-Werft 2010 konnte ich mir diesen Traum erfüllen. Inzwischen ist die Lloyd-Werft wieder verkauft worden. Vieles an der Infrastruktur der Werft wurde optimiert. Man hat mir ja häufig unterstellt, ich wäre nur auf Profit aus. Das ist Quatsch, weil ich fast alles, was ich mit den Werften verdient habe, auch wieder in die Werften investiert habe. Diese Unterstellungen kommen eher davon, dass ich in einem unwirtschaftlichen Unternehmen viel verändern muss, um es wirtschaftlich erfolgreich zu machen. Die meisten Menschen mögen aber keine Veränderungen – schon gar nicht in Traditionsbetrieben. Man muss sich aber immer anpassen, weil sich schließlich alles verändert.

 

Frage: Nach dem Verkauf der Lloyd-Werft haben Sie sich nicht - wie von vielen erwartet - aus dem Werftengeschäft zurückgezogen. Warum nicht?

Dieter Petram: Wenn man das macht, was ich schon mein ganzes Leben mache, dann steckt die Lust am Gestalten tief in einem drin. Inzwischen gebe ich immer mehr Teile des Geschäftes an meine Tochter Nadine ab, die sich bereits jetzt um die strategische Ausrichtung des Unternehmens kümmert. Im nächsten Jahr habe ich 45 Jahre Selbstständigkeit voll. Dann will ich nur noch an Dingen arbeiten, die mir Freude bereiten (lacht). Im Moment habe ich ein neues Betätigungsfeld entdeckt, das mit sehr gefällt. Ich habe dieses Gebäude als Mitgesellschafter gebaut (New Port: Anmerkung der Redaktion). Dort drüben auf der anderen Seite des Neuen Hafens (zeigt über das Hafenbecken) entsteht demnächst ein weiteres Gebäude unter meinem Mitwirken.

 

Frage: Und was wird mit den Werften?

Dieter Petram: Derzeit planen wir eine Reparaturfiliale auf Jamaika zu eröffnen. In der Karibik gibt es 400 Schiffe, die dort in ständigem Einsatz sind und nicht genügend Werften, um diese zu reparieren. Der Markt dort hat einen dringenden Bedarf angemeldet. Das ist eine weitere dieser Situationen, die man als Chance erkennen muss: Etwas zu nutzen, um erfolgreich zu sein.   Marco Butzkus