Grenzerfahrungen auf See

Deutsches Auswandererhaus präsentiert Forschungsergebnisse zu Überseemigration

Am Donnerstag, 22. Oktober 2020, stellte das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven zusammen mit Historikerin Dr. Tanja Fittkau ihre Dissertation „Vom zusätzlichen Frachtgut zum umworbenen Kunden. Die Überfahrtsbedingungen für Seereisende und ihre Grenzerfahrungen 1830-1932“ vor. Mit Unterstützung der Stiftung Deutsches Auswandererhaus wird das aufwändige Projekt der langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Deutschen Auswandererhauses nun in der „edition DAH“ veröffentlicht. In der aktuellen Forschungsarbeit, die das Museum finanziell und ideell unterstützte, behandelt Fittkau den Wandel der emotionalen und körperlichen Erfahrung „Überseemigration“ seit der Entstehungszeit der deutschen Passagierschifffahrt.

Die individuelle Erfahrung hinter einem historischen Ereignis wird erst seit wenigen Jahrzehnten in der Geschichtswissenschaft als bedeutsam wahrgenommen und ist noch immer Feld vieler offener Fragen. So förderte das Deutsche Auswandererhaus das Forschungsprojekt, das sich mit einigen dieser Fragen im Kontext des Wandels der persönlichen Erfahrungen und Folgen von Überseemigration auseinandersetzt und auf knapp 350 Seiten relevante Forschungslücken schließt. Tanja Fittkau stellt darin bis heute aktuelle Fragen: Welche Bedeutung haben materielle und soziale Bedingungen der Reise für den einzelnen Menschen und seinen Migrationsverlauf? Und: Auf welche Weise müssen wir die Reise selbst als Teil der Migration begreifen?

Dr. Simone Blaschka, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses, sagt über die Doktorarbeit, deren Entstehung sie von Anfang an unterstützte: „Die Dissertation möchten wir gerne einem größeren Publikum zugänglich machen. Die Arbeit hat uns selbst einen neuen Blick auf Teile unserer Sammlung ermöglicht und gibt uns spannende Impulse für unsere Ausstellung von Überseemigration und Emotionsgeschichte.“ 

Die Zitatauswahl des Buches erlaubt einen seltenen Einblick in die Reiseerfahrungen von Migrant*innen aus den Jahren 1830 bis 1932, die auf deutschen Schiffen nach Übersee fuhren. Sie entstammen einer Vielzahl an Briefen, Tagebüchern und Reiseberichten aus der Sammlung Deutsches Auswandererhaus, der Forschungsbibliothek Gotha sowie aus Archiven und Bibliotheken in ganz Deutschland, die sorgsam von Fittkau gesichtet wurden. Die Zitate werden durch Informationen aus Datenbanken und Institutionen aus Übersee ergänzt und in Kontext gesetzt. „Seit meinem Studium interessiert mich das Leben ‚normaler‘ Leute, von denen wir oft sehr wenig lesen. Dabei sind es ihre Erfahrungen, die uns verraten können, wie Geschichte Menschen und ihr Leben prägte“, sagt Fittkau zu ihrem Forschungsschwerpunkt.

Lange wurden Migrant*innen als Lebendfracht wahrgenommen, die Überfahrt durch schlechte Ernährungs- und Hygienesituation, von Langeweile und der Willkür der Schiffsbesatzung geprägt. Entwicklungen im Schiffsbau und die Entdeckung des Passagiers als zahlender Gast machten die Reise sicherer, schneller und komfortabler – und veränderten das Erleben der Ozeanüberquerung wesentlich. Ein Thema, das auch in der historischen Forschung des Deutschen Auswandererhauses immer wieder zum Tragen kommt.

Mussten sich in den 1830er Jahren Passagiere oft selbstversorgen, was schnell zu Mangel und Konflikten führte, sah eine Bremer Verordnung von 1832 vor, dass genug Proviant für alle Passagiere mitgeführt werden musste. Doch gibt es für die Meisten nur billige, lang konservierbare Produkte wie Schiffszwieback und Trockenfleisch, oft zu wenig davon. Auch noch 1852 klagt ein Pfarrer von seiner Überfahrt von Bremerhaven nach New York: „Der Schiffszwieback wird alle 8 Tage ausgetheilt, ist rauh und schwarz wie Lohkuchen oder Torfstücke, auch voller Mehlwürmer und so hart, daß man ihn mit Holzstücken oder Hammer zerschlagen muss; an Zerschneiden ist nicht zu denken.“ (aus: Brief vom 6. November 1852, Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Crueger, S. 2). Erst mit der Verkürzung der Fahrzeit und neuen Konservierungsmöglichkeiten steigt die Qualität der Nahrung, je nach Klassenlage, stark. 1925 kann selbst der Landarbeiter Walter Krämer in der Dritten Klasse berichten: „Schon um ½ 6 Uhr ist das Abendessen. Der Zusammensetzung nach eigentlich ein zweites Mittagessen. Nachher gibt’s noch belegte Brote u. Tee, an dem ich mich mit Wonne labe u. verschiedene Tassen auf Vorrat trinke.“ (aus: Reisebericht 1925, Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Eckard Quitmann, S. 31)

 

Doch nicht alles verändert sich im gleichen Maße: Tanja Fittkau beschreibt wie die komplexe Beziehung des Menschen zum Meer – insbesondere die Angst, aber auch die Faszination – sich wenig wandeln. Trotz zunehmender technischer Sicherheit an Bord und sinkender Stressfaktoren, wie Hunger und Enge, bleibt die Angst vor dem Tod auf See. Hier arbeitet die Wissenschaftlerin, die an der Fernuniversität Hagen promoviert wurde, zudem die eindrückliche – oft erste – Begegnung mit der Naturgewalt Ozean mit Zitaten heraus. Über die furchtsame Bewunderung reflektiert auch der Techniker Albert Ebenreuter 1888: „Wenn man die Wogen so beobachtet, so kommt man auf die Frage, wo kommt nur die Unmasse Wasser her? Über welcher Untiefe mochten wir uns wohl manchmal befunden haben?“ (aus: Reisebeschreibungen 1888, Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Eckhard Quitmann, S. 18)

Die Publikation ist ab sofort für 26,- Euro im Museumsshop erhältlich oder kann über das Deutsche Auswandererhaus bestellt werden (Tel. 0471 / 90 22 0- 0,  info@dah-bremerhaven.de).
 

Tanja Fittkau
„Vom zusätzlichen Frachtgut zum umworbenen Kunden. Die Überfahrtsbedingungen für Seereisende und ihre Grenzerfahrungen 1830 – 1932“
Hrsg. Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Bremerhaven: edition DAH, 2020
348 Seiten, Soft Cover
ISBN 978-3-9817861-9-4  

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