Aktuelle Tageszeitungen im Regal

Corona-Effekte für Seestadt-Tourismus: Gewinne und Verluste

Bremerhaven legt Tourismuszahlen 2020 vor

Es sollte wieder ein erfolgreiches Jahr für Bremerhaven werden, denn mit dem internationalen Windjammerfestival „Sail Bremerhaven“ war für den August 2020 ein echtes Megaereignis geplant, das rund 1.2 Millionen Besucher aus Nah und Fern in die größte Stadt an der deutschen Nordseeküste gezogen hätte. Doch Corona machte durch alle Planungen einen Strich und schon für die Monate März und April 2020 bescheinigt das bundesweit anerkannte dwif Institut der Seestadt einen Umsatzausfall von rund 35 Millionen Euro. Die gerade bekanntgewordenen Zahlen des Statistischen Landesamtes bestätigen dies: Rund 40 Prozent weniger Übernachtungen wurden gezählt. Doch es gibt auch eine positive Entwicklung im letzten Jahr: Rund ein Drittel der befragten Übernachtungsgäste wären ohne die Pandemie noch nicht nach Bremerhaven gekommen. Um die Tourismuszahlen weiter auf Kurs zu halten, setzt die städtische Tourismusgesellschaft Erlebnis Bremerhaven GmbH zahlreiche Aktivitäten um, die schon im letzten Jahr für einen großen Zuspruch an Tagesbesuchern gesorgt hatten. Dennoch ist Oberbürgermeister Melf Grantz angesichts der aktuellen Situation alarmiert: „Als Vorstandsmitglied im Deutschen Tourismusverband (DTV) blicke ich mit Sorge auf die problematische Situation der Tourismuswirtschaft in ganz Deutschland und damit auch in Bremerhaven. Die Querschnittsbranche schafft tausende Arbeitsplätze und trägt zum guten Image der Städte Bremen und Bremerhaven bei. Um der prognostizierten positiven Nachfrage nach dem Neustart nachkommen zu können, brauchen wir kurzfristige Maßnahmen zur Schaffung stabiler Rahmenbedingungen, wirtschaftlich gefestigte touristische Leistungsträger und Marketingmittel zur Positionierung im Markt. Daher muss das vom Land Bremen angekündigte Aktionsprogramm Tourismus nun schnell umgesetzt werden“.

Hotellerie für Seestadttourismus wichtig
Wenig überraschend: 2020 brachen die Übernachtungszahlen ein. Statt knapp 400.000 Übernachtungen wie im Rekordjahr 2019 konnten im letzten Jahr nur 281.199 Übernachtungen in den Beherbergungsbetrieben der Seestadt gezählt werden. Damit ist der Aufwärtstrend der letzten Jahre jäh gestoppt. Den Großteil der Übernachtungen generierte die Hotellerie der Seestadt: 251.899. Sie musste dennoch ein Minus von rund 37 Prozent hinnehmen. Ankünfte in der Hotellerie wurden insgesamt 123.159 gezählt. Das ist ein Wert, der rund 45 Prozent unter der Vorjahreszahl liegt. Trotz der Einschränkungen: die Touristen und Geschäftsreisenden blieben durchschnittlich zwei Nächte – dieser Wert hält sich seit Jahren.

Mit einer freudigen Überraschung wartet die Gästebefragung auf, die seit vielen Jahren von der ITF Research GmbH im Auftrag der Erlebnis Bremerhaven durchgeführt wird. „Ein Drittel der befragten Übernachtungsgäste wäre ohne die Pandemie noch nicht nach Bremerhaven gekommen“, berichtet Dr. Ralf Meyer als Geschäftsführer der Erlebnis Bremerhaven. Die Befragung der Corona-bedingten Gäste, die eigentlich etwas anderes geplant hatten, weist aus, dass diese es als sicherer empfanden in die Seestadt zu reisen.

Trendurlaub Wohnmobil
Wie bedeutend die Zielgruppe der Wohnmobilisten für Bremerhaven ist, zeigt allein ein Blick in die Erhebung für den Platz an der Doppelschleuse: Hier konnten im letzten Jahr 11.544 Übernachtungen bei 7.413 Ankünften gezählt werden. Und das, obwohl insgesamt in drei Monaten der Platz geschlossen werden musste.

Ranking der Besucherherkunft unverändert
Insgesamt kamen 126.572 Touristen aus Deutschland nach Bremerhaven, die 253.654 Übernachtungen generiert haben. Die größte Reisegruppe machen nach wie vor die Niedersachsen aus, dann die Bremer und die Nordrhein-Westfalen. Einen vermehrten Zuspruch gab es aus Baden-Württemberg. Erfreulich: Der Anteil der Gäste aus Bremen verdoppelte sich im letzten Jahr.

Auslandstourismus hat gelitten
Riesige Einbußen musste die Stadt beim Auslandstourismus hinnehmen: Obwohl als Wirtschaftsstandort mit einer Vernetzung in die ganze Welt bedeutsam, kamen in diesem Segment coronabedingt gut 58 Prozent weniger Gäste, nämlich nur 10.825, die 27.545 Übernachtungen generierten (minus 50,4 Prozent). Die größte Gruppe machten wieder Gäste aus den Niederlanden aus: 2.061 kamen (minus 50,8 Prozent), die 4.534 Übernachtungen auslösten (minus 42,4 Prozent).

Institut attestiert Potenzial
Im letzten Jahr konnte nur ein Bruchteil des für 2019 vom dwif für Bremerhaven attestierten 255 Millionen touristischen Umsatzes realisiert werden. Eine abschließende Bewertung durch das Institut steht aber noch aus. Berücksichtigt werden dabei Privatquartiere über 10 Betten, Camper sowie Wohnmobilisten, gewerbliche Beherberger mit mehr als 10 Betten, der sogenannte „Sofatourismus“ sowie Tagesreisen. Für Letztere setzt das dwif einen Wert von 5,2 Millionen Besuchern für Bremerhaven an.

Tagestouristen haben es sich gutgehen lassen
Frische Luft, viel Bewegungsfreiheit, die maritime Atmosphäre – dem neu kreierten Slogan „Bremerhaven tut gut“ sind im letzten Jahr viele Menschen gefolgt. Das bestätigt auch die die ITF-Gästebefragung, die diese drei Top-Aktivitäten ausweist: den Besuch der Deichpromenade, das Bummeln und Einkaufen sowie das Treiben im Hafen beobachten. Vor allem Letzteres hat stark an Beliebtheit gewonnen, lag es im Jahr davor doch auf Platz 16. Selbstverständlich haben neben der besonderen Lage der Seestadt auch die Attraktionen wie Klimahaus Bremerhaven 8°, Deutsches Auswandererhaus, Schifffahrtsmuseum und Zoo am Meer trotz begrenzter Möglichkeiten zur Attraktivität in Pandemiezeiten beigetragen.

Diese herauszustellen ist Aufgabe der Erlebnis Bremerhaven GmbH. „Ob in Anzeigen in Magazinen und Zeitungen, auf Großplakaten oder mit Hörfunkspot – wir haben die Stärken Bremerhavens für Hafenromantiker, Fischgenießer und Wissenshungrige in gewohnt vielfältiger Weise ausgespielt, aber intensiver als eigentlich geplant. Zudem hat sich das Social Media Team mächtig ins Zeug gelegt und im letzten Jahr mehr als 50 Kurzfilme produziert, die Lust machen auf die Seestadt oder wenigstens zu einem digitalen Besuch einladen“, so Dr. Ralf Meyer. „Die Teilnahme an einer bundesweiten Imagekampagne in Zusammenarbeit mit der Deutschen Zentrale für Tourismus und der Deutschen Bahn hat uns außerdem viel Aufmerksamkeit im Inland beschert.“

Zukunftsperspektive stimmt hoffnungsfroh
Rund 51 Prozent der Bundesbürger schauen zuversichtlich in dieses Jahr, sagt die Stiftung für Zukunftsfragen in ihrem „Zukunftsmonitor 2021“. Dazu gehört auch das Thema Reisen, an dem die Lust der Deutschen ungebrochen ist. So kommt die Reiseanalyse 2021 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) zum Ergebnis, dass 49 Prozent der Deutschen eine Reiseabsicht hegen. Experten erwarten, dass innerdeutsche Reiseziele in Zukunft mehr denn je nachgefragt werden und Bremerhaven will davon noch stärker als bisher profitieren. Zum Beispiel durch attraktive Veranstaltungen.

Hoffnung auf Veranstaltungen
So hofft die Erlebnis Bremerhaven GmbH für 2021 vier große Veranstaltungen durchführen zu können: Vom 28. bis 30. Mai soll entsprechend den Corona-Vorgaben ein Drachenfestival entlang des Weserdeiches stattfinden, für das sich bereits zahlreiche Besitzer von riesengroßen Lenkdrachen angemeldet haben. Auch für die „lütte Sail Bremerhaven“, den kleinen Ersatz der ausgefallenen „Sail 2020“, laufen die Planungen normal weiter. Für das Windjammerfestival vom 11. bis 15. Augst stehen schon 18 attraktive Großsegler auf der Schiffsliste. Die Anmeldeliste des International Multihull Meeting 2021 umfasst sogar schon 33 Mehrrumpfboote, aus Deutschland, Norwegen, Finnland Dänemark Schweden und den Niederlanden. Die an der Nordseeküste bisher einzigartige Veranstaltung soll vom 29. Juli bis zum 1. August im Neuen Hafen stattfinden. Eine touristische Bedeutung wird mittlerweile auch dem in den letzten Jahren zunehmend attraktiver gestalteten Weihnachtsmarkt zugesprochen, der vom 22. November bis zum 2. Januar 2022 geplant ist.

Neue digitale Führungen
Um Bremerhavenbesuchern auch in Zukunft ein gutes Gefühl zu geben, wurden zudem neue Angebote kreiert, die auf das Sicherheitsgefühl der Gäste Rücksicht nehmen. So startet Ende März ein „Detektiv Trail“, der sich besonders an Familien mit Kindern wendet und eine Schatzsuche per App erlaubt. Wer lieber individuell unterwegs ist, der kann sich mit dem gerade aktualisierten „Audioguide Havenwelten“ durch das Gebiet Neuer und Alter Hafen lotsen lassen. Der Guide zur Bremerhaven-Geschichte und mit Geschichten liegt unter www.bremerhaven.de/audioguide zum Download bereit.

Kreuzfahrttourismus unklar
In welcher Stärke das Segment Kreuzfahrt auf die touristische Entwicklung Bremerhavens einwirken wird, ist momentan noch völlig unklar. Das Columbus Cruise Center Bremerhaven (CCCB) musste einen fast vollständigen Ausfall an Passagierzahlen verbuchen. Auch für das Jahr 2021 rechnet das CCCB gegenüber den ursprünglichen Planungen vor der Pandemie (300.000 Passagiere) mit einem Minus von mehr als 100.000 Passagieren.

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