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Beneken: Bremerhaven hat wieder Wasser unterm Kiel

Rede von Stadtverordnetenvorsteher Artur Beneken beim Neujahrsempfang der Stadt am 7. 1. 2010 in der Stadthalle

Anrede,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich im Namen von Stadtverordnetenversammlung und Magistrat zum heutigen Neujahrsempfang und danke den Verantwortlichen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung, der Stadthalle und der Gastronomie für die gelungene Ausrichtung. Danken möchte ich auch der Jugendmusikschule Bremerhaven mit ihrem Leiter, Herrn Andreas Brandes, die das musikalische Programm gestaltet. Die Namen der Bands und der jungen Musiker entnehmen Sie bitte den Hinweisen auf den Tischen. Es freut mich, dass so viele Gäste unserer Einladung gefolgt sind.

Traditionell wird diese Gelegenheit zu einem Rückblick genutzt und zu einem Blick in die Glaskugel. Hinter uns liegt ein Jahr, das weltweit von den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise geprägt war. Als einer der größten Logistikplätze Europas bekam der Hafenstandort Bremerhaven die negativen Seiten der Globalisierung schnell zu spüren. Nachdem die internationale Verflechtung der Wirtschaft zuvor alljährlich für Rekordwachstum in den Überseehäfen gesorgt hatte, war die weltweite Rezession 2008 und 2009 die Ursache für erhebliche Einbußen, vor allem auf den Container-Terminals und beim Autoumschlag. Für die Beschäftigten in den Überseehäfen sind das schwierige Zeiten, die sie durchmachen müssen. Ich appelliere daher an alle Beteiligten - die Gewerkschaften und verantwortungsvollen Unternehmensleitungen -, eine gangbare Lösung zu finden, und erinnere an die Solidaritätserklärung der Stadtverordnetenversammlung mit den Beschäftigten des Gesamthafenbetriebsvereins vom 2.9.2009.

Dennoch war 2009 aus Sicht von Politik und Verwaltung auch ein gutes Jahr für Bremerhaven. Die Stadt Bremerhaven hat ihr Gesicht deutlich zum Positiven verändert.

  • Bremerhaven ist nun viertgrößter europäischer Containerhafen mit einer 5 km langen Kaje direkt am seeschiffstiefen Wasser.
  • Der Fischereihafen ist heute nicht mehr nur der führende Standort für Fischverarbeitung, sondern zusätzlich ein bedeutender Ort für innovative Lebensmittelwirtschaft und herausragend bei der Tiefkühlproduktion.
  • Und nicht zu übersehen: Bremerhaven ist einer der wichtigsten deutschen Standorte der Offshore-Windindustrie. Hier, wo der Wind schon richtig rau weht, strecken die großen Offshore-Windenergieanlagen ihre Flügel in die Höhe. Sehr frühzeitig hat Bremerhaven Standorte für Offshore-Testanlagen an Land ausgewiesen. Das war das richtige Signal für Hersteller von Multimegawatt-Anlagen, nach Bremerhaven zu kommen. Es ist kein Zufall, dass die renommierte Fraunhofer Gesellschaft ihr Institut zum Themenbereich Windenergie und Energiesystemtechnik in Bremerhaven angesiedelt hat.
  • Im Bereich Wissenschaft und Forschung hat die Stadt durch das jüngst erweiterte Biotechnologiezentrum Bio Nord eine Erweiterung ihres wissenschaftlichen Potentials erfahren. Hier im Fischereihafen haben sich eine Reihe von forschungsorientierten Unternehmen angesiedelt, die mit der ansässigen Wirtschaft eng zusammenarbeiten.
  • Demnächst wird es eine Entwicklungskonzeption zum Thema „Klima" geben, die aufgrund des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung vom 28. September 2007 erstellt wurde. Ziel dieser Studie ist es, Alleinstellungsmerkmale Bremerhavens im Bereich Klimakompetenzen herauszuarbeiten und das maritime Netzwerk im Bereich Klimaforschung als eigenständigen Schwerpunkt weiter zu entwickeln. Denn Bremerhaven hat hervorragende Voraussetzungen, sich zu einer international beachteten „Klimastadt" zu profilieren.
  • Dass unsere Hochschule nach wie vor bundesweit einen guten Ruf genießt, beweist das Potential von über 900 Studentinnen und Studenten, die sich zum Wintersemester 2009 einschrieben. Knapp 200 mehr als zum Wintersemester 2008. Damit waren zu Beginn des Wintersemesters 2009 über 3000 Studentinnen und Studenten an unserer Hochschule eingeschrieben, ein absoluter Rekord.
  • Mit der Realisierung der „Havenwelten Bremerhaven" hat die Stadt ein neues Kapitel ihrer Geschichte aufgeschlagen. Im Zuge eines beispielhaften Stadtentwicklungsprozesses ist nach ersten Irrwegen in wenigen Jahren direkt in der Stadtmitte, gleich hinter dem Weserdeich, ein maritimes Tourismuszentrum entstanden mit innovativen Attraktionen wie dem Klimahaus 8° Ost, dem Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven, dem Atlantic Hotel Sail City, dem Mediterraneo, der Lloyd Marina und dem Wohnen am Deich, die sich mit Zoo am Meer, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Museumshafen und U-Boot „Wilhelm Bauer" hervorragend ergänzen.
  • Und zu guter Letzt: Durch Staatsvertrag zwischen dem Land Niedersachsen und der Freien Hansestadt Bremen über die Änderung der gemeinsamen Landesgrenze ist das Hoheitsgebiet der Stadt Bremerhaven um das Gebiet der Luneplate erweitert worden.

Bremerhaven hat sich in den vergangenen Jahren neu gefunden. Zu den Erfolgsgeschichten Hafen- und Fischwirtschaft sind neue Erfolgsgeschichten wie die Offshore-Windenergie und die Havenwelten - die schon jetzt zu einer festen Größe im Städtetourismus geworden sind - dazu gekommen, so dass wir feststellen können: Mit Bremerhaven geht es voran, auch in Zeiten allgemeiner Flaute. Wir haben wieder Wasser unterm Kiel.

In den vergangenen Jahren konnten viele Grundstücke hinter den Kajen erfolgreich für Logistik und hafennahes Gewerbe vermarktet werden. Der weltweit tätige Automobillogistiker Schnellecke beispielsweise kam nach Bremerhaven, Comet Feuerwerk hat seine Distribution in Bremerhaven zusammengeführt, und weitere national agierende Logistikimmobilienentwickler setzen auf die Zukunft des Logistikstandorts Bremerhaven.

Im Süden Bremerhavens, im Fischereihafen, dem größten Gewerbegebiet in unserer Stadt mit rund 480 Hektar, zuzüglich 150 Hektar Wasserfläche, gibt es heute rund 9000 Arbeitsplätze. Von der FBG wurden in den Jahren 2000 bis 2008 private und öffentliche Investitionsvorhaben in einem Umfang von rund einer halben Milliarde Euro begleitet, was für die besondere Standortqualität des Fischereihafens spricht. Damit wurden weit über 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Insbesondere die Fisch- und Lebensmittelindustrie wartet im Süden unserer Stadt mit Innovationen auf, sei es im Bereich der nachhaltigen Fischerei, sei es bei Bio-Fischprodukten, beim Verzicht auf Zusatzstoffe oder sei es die Kennzeichnung durch die so genannte Nährwertampel. Auch durch den Ausbau von Forschung und Entwicklung ist der Fischereihafen zunehmend zu einem Innovationszentrum geworden, wie das schon erwähnte Biotechnologiezentrum Bio Nord beweist. Sogar im traditionellen Fischbereich gibt es Firmengründungen, die erfolgreich wirtschaften und sich am Markt behaupten. Ich denke dabei an das im Dezember des gerade vergangenen Jahres als „Unternehmen mit Weitblick 2009" ausgezeichnete Fischdienstleistungsunternehmen Castro Seafood. Cristiano Castro hat mit einer Handvoll Mitarbeiter 2006 angefangen und expandierte in den wenigen Jahren der Existenz seines Betriebs gewaltig und beschäftigt heute bald 40 Mitarbeiter, davon einige aus dem Programm 50+. Dieses Unternehmen ist ein Beispiel dafür, wie ein junger Unternehmer eine Marktlücke entdeckt und bereit ist, dafür etwas zu wagen. Ähnliches gilt für die Ende 2009 mit dem Gründerpreis ausgezeichnete Schokoladenmanufaktur Bremerhaven in der Auktionshalle X und ihren Inhaber Thomas Wüppermann. Der Erfolg gibt ihnen recht!

Aufgrund der progressiven Standortentwicklung für Offshore-Testanlagen an Land schätzen inzwischen international agierende Unternehmen wie REpower Systems AG, Areva Multibrid GmbH, WeserWind GmbH Offshore Construction Georgsmarienhütte, der Rotorblatthersteller PowerBlades GmbH und der Anlagenhersteller PowerWind GmbH nicht nur die Lage am seeschifftiefen Wasser, das exzellente Unternehmensnetzwerk, eine aktive, intensiv begleitende Wirtschaftsförderung, sondern auch das wissenschaftliche Knowhow vor Ort. Mit der Offshore-Windindustrie setzt Bremerhaven auf eine Zukunftsbranche. Die 1000 neuen Arbeitsplätze in der Seestadt sollen erst der Anfang sein.

Das sichtbarste Zeichen der positiven Veränderung unserer Stadt, des Oberzentrums der Unterweserregion, ist die Fertigstellung des Tourismusgebiets Havenwelten. Die Eröffnung des Klimahauses 8º Ost am 27. Juni 2009 war ein Riesenerfolg. In dem halben Jahr seines Bestehens besuchten bereits rund 450 000 Menschen den neuen Publikumsmagneten. Der Imagegewinn dieser touristischen Einrichtungen für Bremerhaven ist enorm. Und er stützt das Selbstbewusstsein in unserer Stadt. Denn man konnte es beobachten und erleben, wie die Bremerhavener selbst, die von Hause aus meinen, skeptisch sein zu müssen, mit Stolz über ihre neuen Havenwelten reden. Insofern sind die Havenwelten ein hervorragendes Instrument des Stadtmarketings.

Als Vorsitzendem des Organisationskomitees der Sail Bremerhaven 2010 erlauben Sie mir anzumerken, dass unser neues Sahnestück dem maritimen Großereignis im kommenden August neuen Aufwind geben wird. Ich bin mir sicher, dass in dieser „neuen Umgebung" ein unverwechselbares und besonderes „Sail-Gefühl" entstehen wird. Die Sail Bremerhaven 2010 wird wieder weit über Bremerhaven hinausstrahlen und einen neuen Meilenstein für die touristische Entwicklung unserer Stadt setzen. Hier ist an der Schauseite unserer Stadt etwas Großartiges entstanden, jetzt fehlt nur noch die- oder derjenige, um es professionell zu vermarkten.

Bremerhaven hat alle Segel gesetzt, um den Erfolg einzufahren. Wir sind auf diesem Weg, weil wir als Schwesterstadt im Land Freie Hansestadt Bremen eine Selbstständigkeit besitzen, um die uns viele andere Städte beneiden. Dadurch und dank kräftiger Hilfe unserer Landesregierung ist es gelungen, dass wir für unsere Zukunft, für den Strukturwandel unserer Wirtschaft, investieren konnten. Dieser war dringend notwendig nach den schweren Jahren des Werftenzusammenbruches, dem Zusammenbruch der deutschen Fischereiflotte und dem Abzug der Amerikaner und dem damit verbundenen Verlust von vielen Arbeitsplätzen. Bremerhaven konnte den Strukturwandel einleiten, weil wir im Gegensatz zu den meisten Flächenländern eine Landesregierung haben, der klar ist, dass nur gezielte Anstrengungen helfen, unserer Stadt eine gute Zukunft zu geben. Wären diese gewaltigen Anstrengungen nicht unternommen worden, drohte uns das Schicksal, eine Stadt der Verlierer zu werden, in der nur die bleiben, die hier bleiben müssen. Alle anderen, vor allem die Jungen, die Zahlungskräftigen und die Gebildeten, würden wegziehen. Die Investitionen in die Zukunft unserer Stadt sind das beste Mittel, um dieser Tendenz entgegenzutreten und die drohende und teilweise schon eingetretene Armut zu bekämpfen.

Zum Schluss, meine Damen und Herren, noch eine bedeutende Nachricht, die uns in den Monaten Oktober und November des Jahres 2009 erreichte.

Im Oktober meldete die hiesige Agentur für Arbeit in ihrem monatlichen Arbeitsmarktbericht: „Arbeitslosenquote erfreulich niedrig". Die Arbeitslosenquote im Agenturbezirk Bremerhaven ist im Oktober im Vergleich zum Vorjahr um 6,9 Prozent zurückgegangen und sank auf 9,8 Prozent und damit erstmals unter die 10-Prozent-Marke.

Im November ist die Arbeitslosenquote zwar ganz leicht angestiegen, blieb aber mit 9,9 Prozent ebenfalls unter der 10-Prozent-Marke. Lediglich im Dezember wurde wieder ein zweistelliger Prozentsatz erreicht, nämlich 10,1 Prozent. Die Agentur führt den leichten Anstieg um 0,2 Prozent auf saisonale Ursachen zurück. „Wir merken die winterliche Ruhe. Es wird allgemein weniger Personal gesucht", führt dazu der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit aus.

In der Stadt Bremerhaven selbst ist die Arbeitslosenquote im Monat Dezember im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,5 % zurückgegangen. Die Quote liegt heute bei 14,7 Prozent. Seit der Hartz-IV-Reform zum 1. Januar 2005 ist sie von gut 25 Prozent auf den heutigen Wert enorm gesunken, aber immer noch zu hoch und muss daher Politik und Wirtschaft anspornen, neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Allerdings ist meiner Meinung nach ein Problem in Bremerhaven der sehr hohe Anteil von unqualifizierten Jugendlichen. Der Anteil der höher qualifizierten Jugendlichen in Bremerhaven ist stark unterdurchschnittlich und es gibt überdurchschnittlich viele Schulentlassene ohne Hauptschulabschluss.

In der Schulentwicklung für Bremerhaven steht die Lösung dieses Problem an vorderster Stelle. Aber hier ist nicht nur die Politik gefragt, alle gesellschaftlich vertretenen Gruppen, gerade auch die Unternehmen und Handwerksbetriebe, müssen hier ihre Beiträge liefern. Es sind also eindeutig starke Investitionen in die Bildung und Qualifizierung Jugendlicher gefordert.

Um die Bemühungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen intensiv fortzusetzen, ist es dringend notwendig, die 200 Hektar große Gewerbefläche auf der Luneplate, die, wie bereits erwähnt, durch Staatsvertrag von Niedersachsen auf Bremen übertragen wurde, zügig zu erschließen und zu besiedeln.
Trotz der Aufgaben, die noch vor uns liegen, haben wir die Hoffnung, dass wir auch zukünftig in unserer Region keine zweistelligen Prozentzahlen von Arbeitslosen mehr haben. Bedeutsam ist die genannte Meldung der Arbeitsagentur Bremerhaven deshalb, weil für die gleichen Zeiträume die Bundesagentur für die Bundesrepublik meldete, dass die Quoten in den vergangenen Monaten im Vergleich zum Vorjahr angestiegen sind; allein die Dezember-Quote stieg um 5,6 Prozent.

Um es ganz deutlich zu sagen: Die Entwicklung in Bremerhaven und seinem Umland hat sich vom Bundestrend abgekoppelt, und zwar zum Positiven. Für Stadtverordnetenversammlung und Magistrat freue ich mich besonders, wenn uns die Zahlen und die Fachleute der Agentur für Arbeit bescheinigen, dass die Politik mit Ihren Bemühungen den richtigen Weg eingeschlagen hat und die ersten sichtbaren Erfolge eingetreten sind.

Meine Damen und Herren, Bremerhaven ist auf dem Weg in eine gute Zukunft, an der wir gemeinsam mit großem Engagement weiterarbeiten müssen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start in ein erfolgreiches Jahr 2010!

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