Aktuelle Tageszeitungen im Regal

10.000 BMWs für China: Automobil-Exportboom sorgt für logistische Höchstleistungen im Hafen

Es ist 5.45 Uhr morgens und ich stecke mit dem Auto in einer Schlange von Fahrzeugen, die sich langsam in den Hafen hineinwälzt. In der Ferne blinken und strahlen die Lichter der Containerbrücken. Die Faszination Hafen -rastlos, lebendig und niemals zur Ruhe kommend. Ich bin da, steige aus dem Auto. Der eisige Wind beißt mir ins Gesicht und der letzte Rest Müdigkeit ist wie weggewischt. Um 4.30 Uhr habe ich mich aus dem Bett gequält –wenn man schon mal die Chance hat, einen Hafenarbeiter auf Deutschlands größtem Automobilumschlagplatz zu begleiten.

Mit einer größeren Gruppe von Hafenarbeitern in orangenen Schutzjacken, treibt es mich ins Sozialgebäude am Terminal E –hier nur „Emil“ genannt. Der Weg führt zielstrebig in die Umkleideräume. Taschen ablegen, dann noch schnell und in aller Eile einen Kaffee im Plastikbecher –gegen die Kälte. Alex ist mittelgroß, Anfang 30 und für diese Uhrzeit –wie ich finde, unerhört gut gelaunt. Schon sein halbes Leben arbeitet er hier im Hafen.

Sein Vater hat ihm vor 16 Jahren dazu geraten, eine Ausbildung zum Seegüterkontrolleur zu machen. Eine klasse Idee, findet er heute. Danach ging er in den Automobilumschlag -zuerst als Fahrer, wie jeder, der hier anfängt. Alex hat dann die ganze Kette von Jobs durchlaufen, die es hier gibt -wurde irgendwann Operator und dann Supervisor. Jetzt macht er einen Projektjob –eine Art Logistikvermittler zwischen verschieden Mietern und Kunden auf dem Autoterminal. Er sucht freie Flächen, die kursfristig genutzt werden können. Im Moment ist das alles andere als ein einfacher Job, denn im Autoumschlag „qualmt die Hütte“, wie er sagt.

Mit einer traumhaften Sicherheit lenkt Alex das Fahrzeug in dem wir sitzen über steile Brücken und durch enge Gassen von abgestellten Autos. Vorbei an haushohen Transportschiffen und endlos erscheinenden Reihen von Autos, manövriert er uns über alle Stellflächen des Areals. Immer wieder spricht er mit Kollegen über Funk. Dabei sprudeln ihm Abkürzungen und Fachbegriffe aus dem Mund, die ich mir kaum merken kann. Ständig höre ich etwas von „Reihen durchschießen“, Operator, ASC, PDI, Wasserseite und Landseite. Ich habe das Gefühl, der einzige Mensch auf der ganzen Welt zu sein, der absolut keinen Schimmer davon hat, was damit gemeint sein könnte. Bereits nach zehn Minuten unserer Tour bin ich fest davon überzeugt, dass sich Alex auf dem mehrere Quadratkilometer großen Gelände besser auskennt, als ich mich in meiner eigenen Garage.

Während wir den markierten Fahrstrecken auf dem Terminal folgen, gibt es Zahlen, Zahlen und nochmal Zahlen aus dem Mund von Alex. 110.000 Autos finden hier Platz, wenn alles voll ist –und es ist voll, wie er unterstreicht. Wenn hier mal ein Schiff mit einem oder zwei Tagen Verspätung eintrifft, um Autos abzuholen, laufen die Stellflächen zu. Jetzt vor Weihnachten haben die Autohersteller noch mal ihre Produktion hochgefahren. An guten Tagen kommen hier über 6.000 Neufahrzeuge für den Export an –und das sind nur die drei großen Hersteller: Mercedes, BMW und die Volkswagen Gruppe, alles andere noch nicht mitgerechnet. Die Autos stehen hier auf den Parkplätzen und in den Hochgaragen, bis sie von den riesigen Autotransportern abgeholt werden. Oft werden die Wagen auch noch gewaschen oder inspiziert.

Zur Zeit liegen an den maximal zwölf Schiffsliegeplätzen sieben Autotransporter –liebevoll „Schuhkartons“ genannt. Immer wieder tauchen die stählernen Giganten vor uns auf –für mich nach wie vor unfassbar, dass die Dinger schwimmen können. Die Standardschiffe, mit 200 Metern Länge, fassen bis zu 6.500 Fahrzeuge. Die nächste Generation von so genannten „Supercarriern“ hat schon 265 Meter Länge und kann mehr als 8000 Fahrzeuge aufnehmen.

Derzeit müssen sogar Autos auf den benachbarten Flächen des Containerterminals abgestellt werden. Gerade stehen hier 10.000 BMW 3er Modelle, die Schiff für Schiff nach China gebracht werden. 10.000 Wagen mal 40.000 Euro rechne ich im Kopf, 400 Millionen Euro –schlagartig wird mir bewusst, dass wir hier durch Milliardenwerte kurven. Jeder der Wagen wird vorher gewaschen, bekommt Unterboden- und einen Felgenschutz verpasst. Die Fahrer lenken die Autos von einer Fläche zu einem der Inspektionsstandorte und wieder zurück zu einer Fläche. Bis zu 3-mal wird jeder einzelne Wagen bewegt, bevor er Bremerhaven wieder verlässt.

Während wir mit einer Rundumleuchte an turmhohen Vancarriern –Containertransportern vorbei fahren, erklärt mein Begleiter mir die Grundlagen der Kommunikation mit seinen Kollegen. Wasserseite erfahre ich, bedeutet alles, was von der Stellfläche auf das Schiff kommt. Landseite ist alles, was von der Schiene oder dem LKW auf Fläche oder ins „Regal“ –in das Parkhaus kommt. Operator sind Vorarbeiter. „Durchschießen“, so lerne ich weiter, hat nichts mit Ohrlöchern oder gar Duellen zu tun. Damit wird der Vorgang beschrieben, wenn die Fahrzeuge mit einer Art Scannerpistole erfasst werden. Dadurch weiß man zu jeder Zeit, welches der 90.000 Fahrzeuge auf dem Gelände sich an welchem Ort befindet.

Qualitätssicherung ist eines der wichtigsten Themen im Automobilumschlag. Bremerhaven hat hier einen sehr guten Ruf –und legt großen Wert darauf, ihn auch zu behalten. Der sorgsame Umgang mit den Fahrzeugen hat oberste Priorität. Jeder Fahrer muss darauf achten, das alle Fenster oben sind und keine Schlüssel stecken, wenn das Auto verlassen wird. Auch die allerkleinsten Schäden sind sofort zu melden, wenn sie bemerkt werden. Einige Hersteller verlangen, dass jedes Auto, das länger als 5 Tage steht, bestimmte Inspektionen erhält.

Die Wagenhersteller achten sehr genau darauf, dass ihre Vorgaben strikt eingehalten werden. In sogenannten Auditierungen werden alle Qualitätsmerkmale immer und immer wieder überprüft. Nur wer hervorragende Ergebnisse liefert, kann auch eine gute Entlohnung für seine Arbeit verlangen. Qualität hat ihren Preis – und Bremerhaven liefert Topqualität.

Während wir die einzelnen Flächen abfahren, staune ich immer wieder über die präzise Fahrweise meines Begleiters. Mehr als einmal zucke ich reflexartig zusammen und verkrampfe auf meinem Sitz. Die eine oder andere Lücke kann gar nicht passen, denke ich –und doch passt sie. Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht verkündet Alex, dass er verliebt in seinen Job sei. Wenn andere Leute mal etwas Leerlauf im Büro haben, setzen sie sich hin und trinken einen Kaffee oder lesen eine Zeitung. Er steigt dann lieber ins Auto und fahre eine Runde übers Gelände.

Der Job hat sich verändert in den Jahren, vor allem nach der Wirtschaftskrise 2008. Früher gab es ungefähr gleich viel Import wie Export. Jetzt hat sich das Ganze sehr deutlich in Richtung Export verlagert. 75 von 100 Autos gehen raus, schätzt er. Die USA und China sind die beiden größten Märkte für den deutschen Autoexport. Dutzende Häfen von Shanghai über New York bis nach Sydney werden von hieraus bedient. 2011 werden hier wohl über zwei Millionen Autos umgeschlagen.

Wir fahren jetzt durch eine Gasse zwischen riesigen Baggern, Lastwagen und Kettenfahrzeugen. „Die High & Heavy Abteilung“, meint mein Begleiter. „Ein spannender und abwechslungsreicher Job, man glaubt gar nicht, was es alles für Fahrzeuge gibt“, sagt er grinsend. Es gibt auch hier begehrte und weniger begehrte Jobs. Die langen Umfuhren von Fahrzeugen sind schöner als die kurzen Löschwege, erfahre ich.

Normalerweise bewegt jeder Fahrer im Schnitt 25 Wagen pro Schicht. Wenn man allerdings nur Autos von einem Schiff auf die Fläche davor fährt, sind das auch Mal 40 Autos oder mehr. Das bedeutet 40-mal ein- und aussteigen. Jedes Mal gebückt durch die niedrigen Schiffsdecks zu laufen und ständig an alle möglichen Qualitätsvorgaben zu denken. Das wird schnell zur Routine – und Routine kann zu Nachlässigkeiten führen. Das ist wie bei der Fließbandarbeit.

Im normalen Schichtbetrieb auf dem Autoterminal gibt es die Früh- und die Spätschicht. Von 6.00 Uhr bis 14.00 Uhr und von 14.30 Uhr bis 22.30 Uhr. Bei Bedarf können Nacht- oder Zwischenschichten dazu kommen. Eine Sonnabendschicht ist alle paar Wochen Pflicht. Sonn- und Feiertagsarbeit ist freiwillig. Für Alex ist der Schichtdienst völlig in Ordnung. Man gewöhnt sich daran, sagt er. Wochenendarbeit findet er nicht so schön -akzeptiert aber, dass sie dazugehört.

Verschifft wird hier im Hafen alles, was bewegt werden kann. Vom der Millionen teuren Nobelkarosse bis zum rostzerfressenen Oldtimer aus Übersee. Was man da für Werte bewegt, hat man nicht immer vor Augen. Das könnte manchmal auch eher hemmend sein, meint Alex. Als er einem Kollegen mal erzählt hat, dass der Kran, den er da gerade fährt, ungefähr drei Millionen Euro kostet, konnte er förmlich dabei zusehen, wie sich die Schweißtropfen auf dessen Stirn bildeten, sagt er mit einem Augenzwinkern. Jedes Fahrzeug muss hier mit absolut der gleichen Sorgfalt behandelt werden - völlig egal ob es sich dabei um eine Luxuskarosse oder einen Kleinwagen handelt.

Sicherlich freut man sich auch mal darüber, ein besonderes Auto zu fahren. Er persönlich liebt Oldtimer, sagt Alex. Andere mögen vielleicht italienische Supersportwagen. Letzten Endes sind das aber alles Waren, die bewegt werden und jemand anderem gehören. Trotzdem unterstreicht Alex, für Menschen die Autos mögen, ist das ein toller Job. Manchmal nimmt die Arbeit allerdings auch skurrile Züge an. Beispielsweise, wenn man den ganzen Tag Rechtslenker-Fahrzeuge für Südafrika, Indien oder Australien gefahren hat. Es soll schon vorgekommen sein, das Kollegen nach Schichtende zielstrebig auf der rechten Seite ihres Autos eingestiegen sind und lachend das Lenkrad gesucht haben.

Alex sitzt inzwischen in der 3. Besprechung mit Supervisoren, Operatoren und Disponenten und feilscht um jeden einzelnen Stellplatz auf dem Gelände. Der Duft von Kaffee zieht durch den zweckmäßigen Besprechungsraum, in dem ein rauer aber herzlicher Ton herrscht. Listen werden abgeglichen, Zahlen durch den Raum gerufen -mal eben 178 Wagen von einem Feld auf ein anderes fahren lassen, um Platz zu schaffen. Der nächste Frachter holt 3200 Autos ab, muss aber vorher noch eben 3000 abladen, die brauchen Stellfläche. Es geht darum, Ablauf- und Koordinationsprozesse zu optimieren. Darum Automassen zu verschieben, ohne dabei die Übersicht zu verlieren.

Und es geht vor allem darum, die absolute Kundenzufriedenheit zu gewährleisten. Bremerhaven ist nicht von ungefähr eine der größten Automobildrehscheiben der Welt. Hier arbeitet man mit äußerster Sorgfalt daran, dass es auch so bleibt. Der Job im Automobilumschlag ist unglaublich vielschichtig. Die Frauen und Männer in den leuchtend orangen Arbeitsanzügen sorgen dafür, dass die Autos zu ihren Besitzern kommen -bei jedem Wetter und fast zu jeder Uhrzeit. Nur durch ihren Einsatz findet ein Wagen seinen Weg von der Schiene über das Schiff, bis auf die Straße des Zielortes. Dafür muss man nur fleißig, sorgfältig und wetterfest sein, Autos mögen –und vielleicht auch ein ganz klein wenig in seinen Job verliebt sein.   Marco Butzkus