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Seestadt Bremerhaven
     
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Die Amerikaner in Bremerhaven: Teil 9 – Der Amimarkt (Chuck a luck and icecream)

24.05.2012

Icecream & Coca Cola: Der Amimarkt in den 1960er Jahren
Kaum etwas sorgt gleichzeitig für so viel Freude und Wehmut bei Bremerhavenern, wie das Deutsch-Amerikanische Freundschaftsfest – der Amimarkt. Von 1961 an war er gut 30 Jahre lang der öffentliche Begegnungsraum für beide Nationalitäten und Kulturen schlechthin. Ami-Eis, Chuck-a-Luck und Dunk-Ball stehen noch heute für höher schlagende Herzen ehemaliger Kinder. Jeder der hier einmal einen Hamburger zum selber „zusammenkleben“ genossen hat, betrachtet heutige Fast-Food-Tempel fast schon spöttisch. Der Amimarkt hatte einen ganz besonderen Charme und noch heute, 20 Jahre nachdem die letzte Bude abgebaut wurde, möchten neun von zehn Bremerhavenern ihn zurückhaben. Einer von ihnen ist Peter Bober.

Peter ist gerade 54 Jahre alt geworden und hat alle Amimärkte mitgemacht - von Kindesbeinen auf. Wir treffen uns in Peters Haus. Sinnigerweise steht es ungefähr 100 Meter Luftlinie vom Phillipsfield entfernt. Der Amimarkt lässt ihn also auch heute noch nicht ganz los. Peters Dad war Soldat bei der US-Army und Peter selbst ist Deutsch-Amerikaner, somit ist seine Nähe zum Thema zumindest halb biologisch.

In seinem Wohnzimmer verstärkt sich dieser Eindruck massiv. Ein Regal über die gesamte Länge des Raumes ist randvoll Bücher. Genau genommen ist eigentlich jeder freie Fleck des Raumes mit Büchern belegt, fast alle in englischer Sprache. Insgesamt sind es wohl so um die 6.000 die im ganzen Haus verteilt sind. Sein Lieblingsbuch: "Der Pate" steht hier neben Fachliteratur zum Vietnamkrieg und dem Football-Almanach. Peter liest offenbar sehr gerne.

Der gelernte Verwaltungsfachangestellte steckt voller lebendiger Erinnerungen an das Deutsch-Amerikanische Freundschaftsfest. Während seinen Erzählungen huscht ihm immer wieder ein Schmunzeln übers Gesicht oder er lacht beherzt auf. Seine buschigen Augenbrauen erinnern fast ein wenig an Bert aus der Sesamstraße und betonen seine wachen Augen, die rastlos umherwandern während wir reden. Er trägt ein kariertes Kurzarm Hemd, mit - Überraschung - US-Militärabzeichen darauf. Seine Sätze blühen vor Anglizismen und amerikanischen Redewendungen, die er locker in seine deutschen Sätze einfließen lässt. Peter mag Amerika – Das ist Offensichtlich.

Die ersten Märkte an die Peter sich wirklich bewusst erinnern kann, waren wohl Mitte der 1960er Jahre. Ich erfahre von Themenausstellungen in einer Turnhalle, die jetzt zum Stadthaus 5 gehört. Dort stand 1963 die originale „Glenn-Kapsel“, mit der der erste amerikanische Astronaut – John Glenn - die Erde vier Mal umkreiste. In einem anderen Jahr gab es dort eine Wild-West-Ausstellung mit Cowboys und Indianern. Immer wieder gelang es dem Beauftragten für die Zusammenarbeit der US-Streitkräfte mit der Stadt Bremerhaven Willi Heinemann, zusammen mit dem zuständigen US-Kommandeur, Attraktionen nach Bremerhaven zu holen.

Auf dem großen Festplatz, in der Mitte des Sportplatzes, gab es jede Menge Familienprogramm. Beispielsweise Paraden von Militäreinheiten oder auch Western-Square-Dance Vorführungen. Bestens in Erinnerung geblieben sind sicherlich die Fallschirmspringer, die unter Beifall punktgenau mitten auf dem Festgelände landeten. Es gab dort Holztribühnen, auf denen sich die Leute mit ihrem Eis hinsetzen und dem Treiben auf dem Phillipsfield zuschauen konnten. Überall standen die „Booth’s“, (Hütten), in denen es Spaßiges oder Leckeres gab. Das Ganze lief bargeldlos ab, man musste an Kassenhäuschen Tickets kaufen, mit denen man dann auf dem Markt alles bezahlen konnte. Während Peter davon erzählt, leuchten seine Augen wie die eines Kindes, das sich auf die Bescherung am Heiligen Abend freut.

Was ist nur „dran“ an diesem Amimarkt, dass mir bei Peters Schwärmereien darüber, förmlich das Wasser im Mund zusammenläuft. Ich frage ihn, „Kurz um alles“, antwortet er mit vollster Überzeugung. „Wer hatte denn schon so einen Markt – doch nur wir!“. „Bei uns gab es für fast zwei Wochen all das, was es sonst nur in Amerika gab. Hershey-Schokolade, Icecream, Butterfinger-Riegel, geröstete Maiskolben (Corn on Cobb) und natürlich die Hamburger“. Mit denen, so erfahre ich, hatte es immer etwas Besonderes auf sich: Man bekam ein Brötchen und eine Frikadelle und durfte sich diese dann an einer Bar selber belegen. „Das mündete dann immer in einer richtigen „Rumkleherei“, weil die Leute mit ein und demselben Löffel in Ketchup, Senf, Zwiebeln und Gurken auf die Hamburger schaufelten. „Später dann gab es nur noch Portionsbeutel wegen der Hygiene. Hat trotzdem einen riesen Spaß gemacht und war lecker“, grinst Peter mich breit an.

An den Spiel- und Spaßbuden des Marktes konnte man für kleines Geld sein Glück herausfordern, oder seiner Schadenfreude freien Lauf lassen. Beim „Chuck a Luck“ beispielsweise drehten sich drei Würfel in so einer Art Eieruhr und man konnte auf das Ergebnis setzen, wie in einem Kasino. Das „Penny-Pitch" stellte das Vermehren von geworfenen Geldstücken in Aussicht. Man musste dabei mit dem Geldstück farbige Kreise auf einem Spielbrett treffen, so genannte "Spots". Diese Kreise hatten unterschiedliche Größen und nur wenn das Geldstück auch genau auf dem Kreis lag, hatte man auch gewonnen – Je kleiner der Kreis desto höher war der lockende Gewinn.

Ganz anders beim „Dunk-Ball“ das Spiel appellierte an die Schadenfreude der Menschen. Hier konnte man durch Ballwurf eine Mechanik auslösen, die einen „Freiwilligen“, der auf einem Klappbrett saß, in einen darunter befindlichen Wasser-Bottich plumpsen lies. Während also ein Werfer versuchte mit drei Würfen einen Treffer zu landen, verspottete der Täufling diesen recht häufig und übersäte ihn mit Schmähtriaden. Was zur Folge hatte, dass der Mechanismus der ihn abkühlte, manchmal wie von Geisterhand ausgelöst wurde, obwohl der Wurf weit vom Ziel entfernt gelandet war. Der Meckernde landete dann unter dem tosenden Applaus der johlenden Zuschauer im kühlen Nass.

Auch der AFN-Bremerhaven durfte natürlich auf dem Amimarkt nicht fehlen. AFN sendete jeden Tag eine Stunde live vom „Volksfest“. Die Spaßvögel vom Sender veranstalteten dort, mehr oder minder erfolgreich, komische Wettbewerbe. Beispielsweise erinnert Peter sich an einen „Madonna – Look a like Contest“. Dummerweise hatte sich dafür nur niemand angemeldet. Was die AFN-DJs dazu brachte - aus lauter Verzweiflung - einfach ein paar Mädels, die gerade vorbei kamen und gar nicht wussten worum es ging, zum Mitmachen zu überreden. „Von denen sah keine auch nur annähernd wie Madonna aus“, erinnert Peter sich lachend. „Trotzdem wurde eine von denen dann per Akklamation zum Bremerhavener Madonna-Double gekürt – und die Musik war wie immer super“.

Der Rundgang über den Amimarkt mündete dann immer im Bierzelt, dem „Red Dog Saloon“. Dort gab es Bier aus sogenannten Pitchern (Gieskaraffen). Warm, abgestanden, ohne Schaum zu 2 DM den Becker, wie ich erfahre. Nachmittags traten meist Countrybands, wie die legendären „Seldom Sober“ mit Scotty Riggins, Jim Kirby, Gary Hall und George B Miller auf. Die Tanzfläche gehörte dann immer den Line- und Squaredancern. Zum Abend hin kamen dann die Rockbands und es gab auch mal ein wenig Ärger, meistens zwischen Motorradfahrern und amerikanischen Soldaten. Wenn das Zelt dann pünktlich um 23 Uhr geschlossen wurde, kam die MP mit ihren weißen Helmen herein und die Amerikaner sprangen dann, ihres bloßen Eintreffens wegen, schlagartig von ihren Sitzen hoch und verließen das Zelt. „Die Deutschen haben dann schon noch mal versucht mit den Militär-Polizisten eine Verlängerung zu verhandeln, allerdings erfolglos und ein zweites Mal ließen die sich in der Regel nicht bitten“, unterstreicht Peter mit einer deutlichen Geste, die einen körperlichen Verweis symbolisiert.

Der Amimarkt, das war trotzdem ein richtiger Familienmarkt. Die Leute liebten ihn. Sie wussten genau, was sie dort bekamen und genau das war es auch, was sie wollten. Der Nachmittag gehörte immer den Familien mit Kindern, die dort ihr Eis bekamen und mit der Minitrain für 50 Pfennig einige Runden um das Gelände drehen konnten. Der Abend war den Jugendlichen und Erwachsenen vorbestimmt, die sich nach amerikanischem Fast Food, Lifestyle, Bier und Rockmusik sehnten. „Wenn Amimarkt war, dann bist du einmal über den deutschen Markt gegangen, um zu gucken, wo alles steht. Danach nur noch auf den Amerikanischen, das war für uns völlig klar“, sagt Peter, der in den letzten Jahren sogar noch dort gearbeitet hat. Der ganze Markt war nicht auf große Gewinne ausgelegt. Die Reinerlöse wurden jedes Jahr für einen guten Zweck gespendet.

Das beliebte Familienfest auf dem Phillipsfield hatte ursprünglich übrigens einen eher ernsteren Hintergrund. Er war nämlich eine mittelbare Folge der sogenannten „Blink-Affäre“. Hier hatten sich in den 1950er Jahren Bremerhavener Bürger gegen die Beschlagnahmung ihrer Grundstücke durch die Amerikaner zur Wehr gesetzt. Letzten Endes ohne Erfolg - dort steht heute das Blinkviertel, dennoch hinterließ der zivile Ungehorsam Eindruck – Auf amerikanischer wie bei auch auf deutscher Seite. Man entschloss sich, etwas für das gemeinsame Miteinander zu tun und gründete ein entsprechendes Gremium: den Deutsch-Amerikanischen Ausschuss. Hier klärten Vertreter der stationierten US-Einheiten zusammen mit Verantwortlichen aus der Stadtverwaltung konkrete Probleme des Alltags zwischen Bremerhavenern und Amerikanern, lange bevor diese eskalieren konnten.

Man kam zu der Auffassung, dass Volksfeste, Feiern und öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen sich überaus gut eigneten, um Deutsche und Amerikaner einander näher zu bringen. Letzten Endes mündeten somit eine Reihe von Veranstaltungen schließlich 1961 in das Deutsch-Amerikanische Freundschaftsfest, auf dem Sportplatz der U.S.- Highschool: dem Phillipsfield. Der letzte Amimarkt war das 31. Deutsch-Amerikanische Volksfest und fand im August 1992 statt.

Nach dem Weggang der Amerikaner wurde sehr schnell klar, dass der Amimarkt in den Erinnerungen der Bremerhavener einen ganz besonderen Platz eingenommen hatte. Es gab daraufhin noch einzelne Versuche ihm ein Comeback zu bescheren – leider erfolglos. Die Booth’s kamen zu einer anderen Militärgarnison – vermutlich nach Kaiserslautern. Sie sind lange dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen und wurden längst entsorgt. Hamburger bekommt man inzwischen an jeder Ecke und das amerikanische Eis der Marke „Neapolitan“ ist, ohne die US-Army leider auch nicht zu bekommen. Abschließend ist ein Amimarkt ohne „Amis“ natürlich auch nicht mehr diesen Titel wert. Der Markt, den sonst keiner hatte, bleibt in den Herzen der Bremerhavener trotzdem ewig jung. 30 Jahre Corn on Cobs, Chuck-a-Luck und Eiscreme in Pfundpackungen zu sechs Stück für fünf Mark, hinterlassen einfach ihre Spuren in der Geschichte dieser Stadt und ihrer Menschen. Auch, der inzwischen verstorbene „Ehrensheriff“ Hans Bellmann, der fast jeden auf dem Amimarkt schon einmal verhaftet und ins „Jailhouse“ gesteckt hat, wird darin immer einen festen Platz haben.     Marco Butzkus



Quellennachweise:


Rüdiger Ritter: Vorort von New York - Die Amerikaner in Bremerhaven

Horst-Eberhard Friedrichs: Bremerhaven und die Amerikaner

Stadtarchiv Bremerhaven

Archiv der Nordsee-Zeitung

Fotoarchiv der Nordsee-Zeitung



Hier finden Sie alle Teile unserer Amerikaner-Serie:

Teil 1: Der Ursprung (the beginning)

Teil 2: Die Übriggebliebenen (the remain)

Teil 3: Die Zivilangehörigen (the civilians)

Teil 4: Die Deutsch-Amerikaner (the germaricans)

Teil 5: Die Beobachter (the observer)

Teil 6: Die Gebäude (the buildings)

Teil 7: Die Clubszene (the clubs)

Teil 8: AFN (the sound)

Teil 9: Der Amimarkt (Chuck a luck and icecream)

Teil 10: Die Gegenwart (the present)

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