Das kleine Mädchen, das eigentlich Antje heißt und ihrer Haarfarbe wegen „Red“(rot) oder „Rusty“(rostig) gerufen wird, heißt nun „Angie“. Ihr richtiger Name verursacht in der amerikanischen Aussprache Zungenkrämpfe, somit wird das Problem ganz amerikanisch gelöst - mit einem neuen Namen. Mittlerweile ist Angie jeden Tag bei der Familie Brophy, lernt dort Englisch und wird sogar fast von ihnen adoptiert. In ihrem Elternhaus muss sie Deutsch sprechen – was ihr im zunehmenden Maße missfällt.
Die Reise geht weiter - wir sind am Roten Sand angekommen. Direkt neben einer Marinekaserne befindet sich ein kleiner, unscheinbarer Flachbau - eine Turnhalle. Hier richten die Amerikaner 1950 die ersten Weihnachtsfeste für deutsche Kinder aus. An diesem Ort gab es Pudelmützen, Handschuhe aber auch Spielzeug. Vor allem aber gab es Kakao und Kuchen - mit Schokolade öffnet man Kinderherzen, damals wie heute.
Wir machen nun einen Zeitsprung. Angie ist 13 Jahre alt und geht für 7 Monate, als Haushälterin und Kindermädchen, zu einer amerikanischen Familie in das damals ganz neue Blinkviertel. Ein harter Job, ganz ohne Zweifel. Jeden Tag muss das Parkett in den großzügigen amerikanischen Wohnräumen geschrubbt werden und es gilt 6 Kinder zu versorgen. Angie hat ihr eigenes Zimmer unter dem Dach. Sie kauft sich vom ersten selbst verdienten Geld einen Rock und dann einen Ledermantel – auf Raten.
Das Blinkviertel ist eine ganz eigene amerikanische Welt, fast wie eine eigene Stadt. Es gibt hier ein eigenes Krankenhaus, eine Schule und einen Bus-Pendeldienst von und zur Carl-Schurz-Kaserne. Angie bekommt „Dog-Tags“ verpasst - kleine Metallplaketten an einer Kette, ganz ähnlich denen, die Soldaten um ihren Hals tragen. Wenn man die begehrten Anhänger hatte, durfte man umsonst mit dem Bus in die Kaserne fahren und dort ins Kino oder Bowling spielen gehen.
Angie entscheidet sich dennoch dafür einen Beruf zu lernen – Friseurin. Sie zieht wieder zurück zu ihren Eltern. Inzwischen wohnt man in der Scharnhorststraße beim Waldemar-Becké-Platz. Direkt daneben steht das Dependents-Hotel. Ein Hotel für US-Streitkräfte und deren Angehörige, am Roten Sand. Der rote Klinkerbau, der von dem berühmten Bremer Architekten Hans Scharoun an der alten Kaiserstraße geplant wurde, gehört zu den modernsten Wohnhäusern dieser Zeit. Später, als die Kaiserstraße zur Bürgermeister-Smidt-Straße umbenannt wird, erhält das Dependents-Hotel die Adresse „Bürger“ 240- 254.
Es kommt, wie es kommen muss - die junge Frau verliebt sich in einen Amerikaner. Die beiden treffen sich in der Burgerbar des US-Hotels. Es gibt Cheeseburger und Coke gegen Dollars und Träume für lau obendrauf. In Kuba kriselt es gewaltig und die schwerste Sturmflut der Neuzeit legt ganz Hamburg lahm. Man hört Elvis Presley, Chubby Checker und die Beatles. Angie und ihr Freund entscheiden sich dazu, zusammen nach Amerika zu gehen, wenn seine Zeit in Bremerhaven vorbei ist. Sie verloben sich, schmieden feste Pläne für die Zukunft. Die Eltern ihres Verlobten müssen für Angie bürgen, damit sie ins Land gelassen wird. Sie wird zuvor von den US-Behörden bezüglich ihrer Vergangenheit und derer ihrer Familie genauestens durchleuchtet
Ihr zukünftiger Mann reist vor, um alles Notwendige zu organisieren. In dieser Zeit sind Briefe die einzige Kontaktmöglichkeit der Liebenden. Alles scheint in trockenen Tüchern - dann folgt der Schock: Angie erhält einen Brief ihrer Schwiegereltern in spe. Ihr Verlobter sei ums Leben gekommen – Angies Welt zerbricht. Viele Jahre später wird die Frau erfahren, dass es sich um ein geschicktes Ränkespiel der Eltern ihres Verlobten handelt. Sie sind nicht damit einverstanden, dass ihr Sohn eine deutsche Frau heiratet. Während sie nach außen hin vorgeben, als bemühten sie sich um Angies Einbürgerung, fangen sie in Wirklichkeit Briefe ab und trennten die Beiden auf ganz subtile Art voneinander. Als sie den Brief erhält, weiß Angie das noch nicht. Der gemeinsame Weg mit den Amerikanern endet – vorübergehend.
Der nächste Zeitsprung führt uns in das Jahr 1974. Sämtliche US-Einrichtungen sind inzwischen komplett in der Carl-Schurz-Kaserne zusammen gezogen. Angie ist verheiratet – mit einem Deutschen. Sie hat einen Sohn und arbeitet ihrer guten Englischkenntnisse wegen im United Seamens Service - dem Seamens Club an der Fritz-Reuter-Straße. Seeleute aus aller Welt kommen hier her, um zu trinken, zu essen und zu feiern. Zum Publikum gehören aber ebenso die US-Soldaten und ihre Angehörigen. Die Gäste stehen in 6er-Reihen um den Tresen. An der Tür gibt es eine Zugangskontrolle und es wird gefeiert, was das Zeug hält. Im Anschluss geht es oft noch mit einigen Soldaten in den legendären NCO-Club - den Northern Lights Club, in der Kaserne. Gleich hinter dem Check Point, gegenüber dem Gebäude 6 in dem die MP (Military Police) untergebracht ist, gibt es Livemusik und Country-Lifestyle ohne Ende.
Der Seamens Club wird noch heute betrieben und hat sich seit den 1980er Jahren kaum verändert. Angie hat hier 30 Jahre lang gearbeitet und viele, noch immer wehrende Freundschaften geschlossen. Jedes Jahr fliegt sie in die USA und besucht dort Freunde, die sie hier im Club kennengelernt hat. Ihre erste amerikanische Familie, die Brophys hat sie aus den Augen verloren. Ihr Verlobter von einst lebt inzwischen wirklich nicht mehr. Angie hat noch immer viele greifbare Erinnerungen an die Zeit im Birkenweg und das Dependents-Hotel. Ihre „Dog Tags“ hat sie bis heute aufbewahrt - wie eine Art Ticket in die Vergangenheit. Wann immer Angie diese Plaketten in der Hand hält, füllen sich die alten Gebäude um sie herum wieder mit amerikanischen Geschichten. Geschichten, in deren Mittelpunkt ein kleines rothaariges Mädchen steht. Marco Butzkus
Teil 1: Der Ursprung (the beginning)
Teil 2: Die Übriggebliebenen (the remain)
Teil 3: Die Zivilangehörigen (the civilians)
Teil 4: Die Deutsch-Amerikaner (the germaricans)
Teil 5: Die Beobachter (the observer)
Teil 6: Die Gebäude (the buildings)
Teil 7: Die Clubszene (the clubs)
Originaladresse des Artikels: http://www.bremerhaven.de/meer-erleben/stadtleben/die-amerikaner-in-bremerhaven-teil-6-die-gebaeude.48880.html
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