Liebe Kolleginnen und Kollegen,
am 31. Oktober endet meine zweite Amtszeit als Schul- und Kulturdezernent in Bremerhaven. Da es mir nicht möglich ist, mich von Ihnen allen persönlich zu verabschieden, möchte ich Ihnen diesen Brief schreiben, in dem ich mir auch einen kleinen "Rückblick" erlaube. In diesen 14 Jahren als Schulstadtrat in Bremerhaven habe ich eine an- und aufregende Zeit erlebt mit Enttäuschungen, vielen Erfolgserlebnissen, sowohl für mich persönlich als auch für "unser Schulwesen".
Vermutlich haben Sie diese Entwicklung mit ihren Tief- und Höhepunkten mit besonderem Interesse verfolgt. Denn Sie, die Sie täglich in der Schulpraxis stehen, waren davon als Erste betroffen.
In dieser zwar anstrengenden, aber auch faszinierenden Zeit, da ich die Schulpolitik in Bremerhaven habe mitgestalten dürfen, habe ich sehr viel gelernt. Zeitweise hatte ich den Eindruck, in einer Dauerfortbildungsveranstaltung in Sachen "Politik und pädagogische Praxis" zu sein. Ich muss zugeben, dass ich, als ich 1992 als "Quereinsteiger in die Politik" hier begonnen habe, doch sehr stark von meinen bisherigen Tätigkeiten als Schulpraktiker und Erziehungswissenschaftler geprägt war. Dies war zwar für meine Tätigkeit gewiss von Vorteil, weil ich mich mit vielen Problemen bzw. Fragen, die an mich herangetragen wurden, inhaltlich gut auseinander setzen konnte. Aber entscheidend, wenn man politisch etwas erreichen will, sind vor allem Pragmatismus und Kompromiss, sofern man seine politischen Visionen nicht aus dem Blick verliert.
Vor diesem Hintergrund könnte es interessant sein, am Ende seiner Amtszeit als Schulstadtrat Bilanz zu ziehen, allerdings nicht mittels seitenlanger Aufzählungen, was in den einzelnen Schulbereichen erreicht bzw. nicht erreicht wurde, was sich verändert hat usw. Hierzu sei auf frühere Bilanzen verwiesen. Aus heutiger Sicht scheint mir interessanter, was sich in diesen 14 Jahren im Bildungsbereich im Grundsatz verändert hat:
1992 war PISA lediglich eine Stadt in Italien, Ganztagsschulen waren fast nur von Privatschulen her oder aus dem Ausland bekannt, Evaluation und pädagogische Diagnostik für viele ein Fremdwort, und die Diskussion über Medien in der Schule beschränkte sich großteils noch auf die Gefahren von Computerspielen und Videos.
Es war jene Zeit, da man Bildung vor allem als Kostenfaktor ansah, und dementsprechend negativ waren damals auch die politischen Entscheidungen bei der Einstellung neuer Lehrer, bei der Schulsanierung und der Ausstattung der Schulen - ein seinerzeit bundesweiter Trend, der auch im Land Bremen seinen Niederschlag fand. So z. B. hieß es noch 1997 in einem Arbeitspapier zur "Effizienzsteigerung im Bildungsressort": "So muss, kann und wird die vergleichsweise günstige Lehrerversorgung (...) konsequent abgebaut werden." Der Stellenwert, den dementsprechend die Bildung seinerzeit genoss, ließ sich oft schon am äußeren Zustand der Schulen ablesen.
Heute, im Jahr 2006, ist vieles besser geworden: Das "Sanierungsprogramm Schule" ist in Bremerhaven in vollem Gange: Mittlerweile sind 8 Schulen rundum saniert und jährlich kommen 1 bis 2 Schulen dazu, 15 Schulhöfe wurden mittlerweile nach den Wünschen der Schule umgestaltet, 10 Ganztagsschulen inzwischen eingerichtet, inklusive der dazu notwendigen Erweiterungsbauten, die "Verlässliche Grundschule" wurde flächendeckend eingeführt, die Gleichstellung der Lehrerversorgung in Bremen und Bremerhaven gesichert, und es werden wieder verstärkt junge Leute eingestellt, die Ausstattung der Schulen hat sich durch mehrere Sonderprogramme deutlich verbessert, sämtliche Schulen sind "am Netz", ... usw.
Solche Fixpunkte machen deutlich, welcher Paradigmenwechsel in Sachen Bildung in den letzten Jahren stattgefunden hat: Bildung wird nicht mehr nur wie seinerzeit als Kostenfaktor, sondern als hochnotwendige Investition in die Zukunft angesehen. In diesem Zusammenhang sind auch die vielfältigen Bemühungen um pädagogische Diagnostik und Sprachförderung und all jene pädagogischen und didaktischen Initiativen zu sehen, die im Zusammenhang der PISA-Debatte entwickelt wurden.
Sie selber, liebe Kolleginnen und Kollegen, kennen die Initiativen Ihrer Schulen vor Ort am besten, mit denen Sie nicht nur den gestiegenen Leistungsanforderungen gerecht werden, sondern auch den pädagogischen und sozialen Auftrag der Schule profilieren. Die Spannbreite reicht dabei von der Werkstattschule/Tonnendachhalle bis zum so genannten Highsea-Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut durchgeführt wird, von den verschiedenen Kunst- und Kulturprojekten in der Schule bis zu neuen didaktischen Ansätzen im naturwissenschaftlichen Unterricht, von der flächendeckenden Arbeit der Förderzentren für Lernbehinderte bis zu den Kooperationsmodellen zwischen Hauptschule und beruflichen Bereich, etc. - und natürlich VERA, Cito, Mirula usw., mit denen sich für Sie sehr viel (neue) Arbeit, aber auch der Gewinn wichtiger pädagogischer Erkenntnisse verknüpft. Dass Sie dies alles geschafft haben bzw. schaffen, nötigt mir größten Respekt ab.
So gesehen kann man bundesweit, und besonders in Bremerhaven, durchaus mit Optimismus für die weitere Schulentwicklung in die Zukunft blicken. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass all diese Erfolge mühsam erarbeitet, z. T. auch erkämpft wurden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Schuldezernat, vor allem aber von Ihnen als diejenigen, die täglich "Schule machen", d. h., im Unterricht bzw. in der pädagogischen Praxis stehen.
Angesichts der immer schwieriger werdenden Bedingungen vor Ort, die mit Stichworten wie Kinderarmut, Sozialisationsdefizite im Elternhaus und Migrationshintergrund nur unzureichend beschrieben sind, sind Ihre Leistungen als Lehrerinnen und Lehrer, als Pädagoginnen und Pädagogen in der Schule, die Sie tagtäglich neu erbringen müssen, nicht hoch genug einzuschätzen, zumal Ihnen quasi täglich die bildungspolitischen Defizite, die nach wie vor trotz allem herrschen, immer wieder ins Auge springen, z. B.:
Solche Probleme sind nicht von jetzt auf gleich zu lösen, selbst wenn dem Bildungsbereich ab sofort noch deutlich mehr Geld zur Verfügung gestellt würde. Aber es ist wichtig, die langfristige Lösung dieser Probleme nicht aus dem Blick zu verlieren. Eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung dafür scheint mir, die dementsprechende Sach- und Personlausstattung zur Verfügung zu stellen. Dies heißt auch, trotz inzwischen verbesserter Einstellungspraxis, künftig noch mehr Lehrer und Pädagogen einzustellen.
Doch trotz dieser schulischen Erledigungspunkte, an die Sie die Bildungspolitiker in unserer Stadt gewiss immer wieder nachdrücklich erinnern werden, denke ich, dass die Entwicklung und Erfolge der Bildung in den letzten Jahren Anlass zu Optimismus geben - dem Optimismus, dass künftig Bildung in seiner ideellen und materiellen Bedeutung für unser Gemeinwesen noch stärker ins rechte Licht gerückt und als Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft gesehen wird.
Meinem Nachfolger wünsche ich viel Erfolg und eine glückliche Hand bei der Bewältigung der großen Herausforderungen im Bildungsbereich. Und Ihnen wünsche ich alles Gute für die Zukunft und viel Freude in Ihrem Beruf, und grüße Sie mit großem Dank für Ihr Engagement ganz herzlich
Ihr Wolfgang W.Weiß
Dies ist ein guter Tag, meine Damen und Herren. Ich bin hingerissen von diesem schönen Arrangement anlässlich meiner Abschiedsfeier und bewegt, dass Sie so zahlreich erschienen sind, um sich von mir persönlich zu verabschieden. Natürlich empfinde ich auch Wehmut, dass die nun 14jährige Zeit als Schul- und Kulturdezernent in Bremerhaven zu Ende geht, doch die Freude darüber, dass ich ab 01.11.2006 "frei für Neues" bin, überwiegt.
Gestatten Sie mir trotzdem einen Blick zurück auf insgesamt 34 Berufsjahre: ich war, bevor ich nach Bremerhaven kam, Kindergärtner, Musiklehrer, Ausstellungsmacher, Bildungsplaner, Uni-Assistent für Soziologie, Redakteur, Leiter eines Pädagogischen Instituts, ich hatte insgesamt 7 verschiedene Arbeitgeber in 5 verschiedenen Bundesländern.
Bis 1992, als ich mein Amt in Bremerhaven antrat, hatte ich über 80 Fachartikel und 8 Bücher geschrieben, u. a. über "politische Sozialisation", wo ich, auch in meiner Dissertation, der Frage nachging, wie "politische Persönlichkeiten" entstehen, und ich forschte über "politische Partizipation", also, wie man die Mitwirkung der Bürger an der Politik sichert. Dementsprechend habe ich viel publiziert und referiert, wie das mit der Politik laut Theorie (besser) laufen müsste, war seinerzeit eingeladen bei Gewerkschaften und Arbeitgeberverband, war als Autor und Redner gefragt - eine interessante und schöne Zeit.
Aber mir wurde immer klarer: Ob jemand meine Ausführungen hört bzw. liest oder nicht, das war für die politische Realität ziemlich unerheblich - und ich wusste inzwischen, ich würde als Wissenschaftler durch noch so viele Publikationen und Vorträge politisch wohl auch nichts Wesentliches verändern, genauso wenig wie seinerzeit durch meine Protestsongs als Liedermacher. Aber Reste der 68er-Bewegung trug ich offenbar, obwohl ich mehr als zwei Jahrzehnte älter geworden war, noch in mir. Zwar war ich niemals Mitglied in einer K-Gruppe, trotzdem nagte eine These von Karl Marx immer wieder in mir: "Die Philosophen haben die Welt interpretiert. Es kömmt darauf an, sie zu verändern!".
Das war meine Situation Ende der 80er Jahre, als ich das Glück hatte, bei dem Doyen der Schul- und Kulturpolitik, bei Hermann Glaser, in Nürnberg zu arbeiten, Glaser, bundesweit bekannt und hoch angesehen, hatte zusammen mit Hilmar Hoffmann die Bewegung "Kultur für alle" initiiert und getragen, er hat die Kulturläden theoretisch proklamiert und praktisch in den Stadtteilen eingerichtet, bewirkte als Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Städtetages und des Deutschen Werkbunds viel und brachte frischen Wind in die deutsche Kunst- und Kulturdebatte. Sein Lieblingsspruch war: "Und wenn das nicht realisiert wird, was wir hier im gemeinsamen Diskurs erarbeitet haben, dann scheitern wir vielleicht, aber wir scheitern auf hohem Niveau!" - und damit erreichte er sehr viel.
Ein Schlüsselerlebnis hatte ich 1990, als die Bewegung "Community Education" in Deutschland die "Öffnung der Schulen" proklamierte, als wir auch in Nürnberg Büchereien, Jugendzentren und Stadtteilcafes in den Schulen einrichten wollten. Dabei gab es immer wieder Verwaltungshemmnisse. Mal widersprach die feuerpolizeiliche Verordnung, mal die Hygienevorschrift unseren geplanten Projekten. Allzu oft hörte ich vom dortigen Schulamtsleiter: "Das geht nicht - es sei denn, der Dezernent unterschreibt das".
Da hat es bei mir geklingelt, das war's: Willst du was verändern, werde Dezernent!
Ich sprach mit Hermann Glaser über diese Berufsüberlegungen und darüber, dass ich bereit sei, meine Lebenszeitstellung als Institutsleiter mit einer zeitbeamteten Dezernentenstelle in der Politik eintauschen. Er meinte, als Parteiloser sei das schwierig, aber wenn ich ortsflexibel sei, könnte es durchaus irgendwo passen.
...und es passte - in Bremerhaven. Ich habe mich damals sehr gefreut. Nicht nur, weil ich darin eine große Anerkennung meiner Qualifikationen sah, sondern weil ich nun Gelegenheit bekam, die Ärmel hoch zu krempeln und meine theoretisch gestützten Visionen zukunftsgerichteter Bildungs- und Kulturpolitik in einer Kommune umzusetzen. Nun käme die politische Praxis, dachte ich.
Und sie kam. Doch es war alles ganz anders, als ich dachte. Der "Praxisschock", den Lehramtsstudenten in den ersten Wochen, da sie als Lehrer tätig sind, erleiden, ist sprichwörtlich. Nun erfuhr ich, dass es solchen "Praxisschock" natürlich auch im Bereich der Politik gibt.
Es war ein Sprung ins kalte Wasser der konkreten Kommunalpolitik: Schon in meiner ersten Arbeitswoche erhielt ich einen Brief des Oberbürgermeisters, in dem er mich aufforderte, meine Sparvorschläge binnen 6 Wochen abzuliefern. Ich musste mich erst einmal kundig machen, um welche Sparvorschläge es sich handelt: Ich erfuhr, es ging um 8,5 % Stelleneinsparungen. Im Theaterbereich ergab sich daraus sofort eine Diskussion, ob nun eine Sparten-Schließung, Ballett oder Schauspiel, sich nicht quasi zwangsläufig ergäbe. Es war ein ziemliches Hick-Hack in meinen ersten Arbeitswochen. Es ging hoch her. Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion wurde dann auch sehr nachdrücklich gefragt, ob bzw. welche Sparte des Theaters ich nun schließen wolle bzw. ob ich nicht doch eine andere Einsparungsmöglichkeit wüsste, und wenn: welche konkret und was ich vorhabe....
Meine Antwort damals, "ich muss mir erst einmal einen Überblick verschaffen, mit den Leuten reden...." stieß, da sie mich eher als Wissenschaftler denn als Politiker auswies, nicht auf allzu breites Verständnis. Es gab Zwischenrufe wie z. B. "Entscheidungsschwach", "Zeichensetzen durch Rücktritt" u.s.w..
Aber ich wollte nicht zurücktreten, jedenfalls nicht schon nach 2 Monaten. Dann wäre ich zwar gescheitert, aber nicht auf hohem Niveau. Ich wollte unser Drei-Sparten-Theater erhalten, was ja dann auch gelungen ist. Außerdem riet mir ein Magistrats-Kollege: "Sie dürfen nie zurücktreten, sonst verlieren Sie Ihre Pensionsansprüche. Allerhöchstens können Sie, wenn es ganz schlimm kommt, sagen: Ich rufe Ihnen zu, wählen Sie mich ab!". Aber auch das habe ich nicht gemacht, sondern ich bin wie der Reiter vom Bodensee, so kommt es mir manchmal vor, nach 14 Jahren am Ende meiner zweiten Amtsperiode angekommen, weil man mich freundlicherweise vor 6 Jahren wiedergewählt hat, sogar mit den Oppositionsstimmen. Ja, ich habe sogar die ganze Zeit als Stadtrat die Zuständigkeit für Schule und Kultur behalten. Und dies ist keineswegs selbstverständlich. Denn über die Magistratszuständigkeiten entscheidet der Magistrat mit einfacher Mehrheit. Und man hätte mich sehr unglücklich machen können, wenn man mir einen anderen Bereich als Schule und Kultur zugewiesen hätte, auch wenn Versicherungswesen oder Bau oder Sport gewiss hoch interessant sind. Aber ich wollte, wiewohl ich Politiker war, primär inhaltlich arbeiten und fühlte mich nur in diesem Bereich zu hause.
In der Tat gab es auch öfter einmal verdeckte oder im Zusammenhang mit den Ocean-Park-Planungen auch konkrete Abwahl-Androhungen. Aber vielleicht war das seinerzeit weniger ernst gemeint, als ich es empfunden habe. Rückblickend bin ich jedenfalls froh, dass ich im zivilen bzw. bewussten Magistrats-Ungehorsam offen gegen dieses Ocean-Park-Projekt zu Felde gezogen bin, aus dem Gottlob ja auch nichts geworden ist.
Wie viel besser und vielversprechender ist doch jetzt das, was im Bereich des Alten und Neuen Hafens unter dem Stichwort "Havenwelten" konzipiert bzw. schon realisiert wird. Was in diesem Ressort derzeitig geschieht, und was dort zu sehen und auch noch geplant ist, ist etwas ganz anderes als der Ocean-Park. Denn nun spielen die gewachsenen Strukturen unserer Stadt, spielen Traditionen und Kultur eine deutlich stärkere Rolle bei Planung und Realisierung. Auch wenn man nicht alle Projektbausteine von "Havenwelten" gut oder gar schön finden muss, so findet die Initiative dort zurecht bundesweit Beachtung, ein Projekt, mit dem der Aufschwung in Bremerhaven geschafft werden soll, ohne die Identität unserer Stadt umzubiegen.
Dass dieser Take off inzwischen gemeistert wurde, ist dem guten Zusammenspiel von Vision und Tatkraft zu verdanken, ohne deren Zusammenspiel gar nicht läuft. Das habe ich in meinem Bereich zur Genüge festgestellt, und das eine oder andere ist auch dank Ihrer Hilfe, meine Damen und Herren, gelungen. Der Oberbürgermeister hat in seiner Rede eine entsprechend freundliche Bilanz meiner politischen Taten gezogen, wofür ich herzlich danke. Dass ich als Magistratsmitglied, diesen Prozess kommunaler Zukunftsgestaltung begleiten und in meinem Bereich sogar aktiv mitgestalten durfte, erfüllt mich mit großer Freude, und ich habe dabei viel gelernt. Für mich war meine Magistratstätigkeit eine permanente Fortbildungsveranstaltung in Sachen konkreter Politik. Ich habe gelernt, dass Visionen und Verfassungsanspruch nur die eine Seite der Politik sind. Dass es aber, wenn wirklich etwas bewegt werden soll, auch Kompromissbereitschaft, Pragmatismus und darüber hinaus eine gehörige Portion Machtlust braucht.
Gerade der Machtinstinkt aber war wohl meine schwächste Karte, und ich spreche hier nur aus, was ohnehin alle wissen. Beim Thema Machtanspruch kam ich mir vor, wie jemand, der, obwohl wasserscheu, schwimmen gelernt hat und nun, weil es notwendig ist, auch seine Wasserbahnen zieht, obwohl er es eigentlich vorzieht, im Trockenen zu agieren.
Nicht nur deshalb, meine Damen und Herren, ist es Zeit für mich aufzuhören. Ich hatte eine intensive, faszinierende Zeit, aber nun ist genug. Nun bin ich frei für Neues, für ganz anderes, für Musik, Literatur und Theater, für Wissenschaft und Forschung, für das Erkunden der Welt und sogar für das Erkunden meiner selbst, was ja, wenn man jahrelang als trubble-shouter und Polit-Manager arbeitet, leicht ins Hintertreffen geraten kann.
Ich freue mich, meine Damen und Herren, dass Sie meine Freude, dass ich gehe - egal ob sie der "leider-" oder der "endlich-Fraktion" angehören, in jedem Falle ungeteilt teilen. Ich danke Ihnen für die langjährige Zusammenarbeit und dafür, dass Sie heute Abend gekommen sind, um meinen Abschied von diesem ebenso auf- wie anregenden Amt mit mir zu feiern. Einen ganz besonderen Dank richte ich an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dezernat. Ohne Sie, ohne Ihr Engagement, Ihre Fachkenntnisse, und Ihre Loyalität, hätte ich all das nicht überstanden und schon gar nicht politisch erreichen können. Der Erfolg hat immer viele Eltern, er ist nur möglich durch das Engagement und das Zusammenwirken ganz verschiedener Leute aus Politik und Verwaltung, auch Schulpraxis und Kulturleben.
In diesem Sinne möchte ich mich bei Ihnen allen ganz herzlich und ganz heftig bedanken und wünsche Ihnen und unserer Stadt, der ich weiterhin eng verbunden bleiben werde, alles Gute für die Zukunft.
Der Bremer Hafen wurde in den 30er Jahren des vorvorigen Jahrhunderts gebaut. "Wer damals nach Bremerhaven kam, ohne in der bloßen wirtschaftlichen Betätigung seine Befriedung zu finden", so schrieb Georg Bessell 1927, "der mochte sich hier, abgeschnitten von aller Kultur, in einer Gegend, die wenigstens im nächsten Umkreise auch landschaftlich keine besonderen Reize entwickelt, wohl bisweilen recht verlassen vorkommen".
Der erste von Bremen eingesetzte Amtmann für Bremerhaven, Carstendyk, gab diesem Gefühl in einem Brief Ausdruck, den er an Senator Heineken schrieb: "Wer würde denn in dies missgestaltete Land ziehen, mit seinem unfreundlichen Klima, ebenso kümmerlich an Kulturfähigkeit wie an Aussehen, es sei denn, dass es seine Heimat wäre".
Wer Heimat sucht, sich heimisch fühlen will, braucht offenbar mehr als nur die Gelegenheit Geld zu verdienen, und so verwundert es nicht, dass bereits im Jahre 1835 der "Bremerhavener Club für kulturelle Interessen" gegründet wurde. Hier fanden sich Bürger zusammen, um das kulturelle Leben in ihrer Stadt zu fördern. Noch in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gründete man eine Lesestube und dann eine Bibliothek. Später, sehr grob gerechnet um die Jahrhundertwende, folgten das Morgenstern-Museum, die Tiergrotten und das Theater.
Solche Kultureinrichtungen sind zusammen mit Einrichtungen wie Volkshochschule, Kunsthalle und Stadtbibliothek konstitutiv für jedes Gemeinwesen ebenso wie Geschäfte, Kaufhäuser, der Marktplatz und das Rathaus. Bezeichnenderweise liegen sie alle, mit Ausnahme des Rathauses, im fußläufigen Umfeld der Wiege unserer Stadt, in der Nähe des Alten Hafens, also im Stadtzentrum.
Dieses Stadtzentrum musste sich natürlich weiterentwickeln, je größer die Stadt und ihre Aufgaben wurden. Allerdings gab es heftige Debatten um die verschiedenen Stadtvisionen, die sich im Laufe der Zeit selbstverständlich wandelten.
Ich persönlich erinnere mich bestens an jene Hochglanz-Überlegungen, die im Zusammenhang des Ocean-Parks diskutiert wurden. So z. B. "All hands on deck" (1996), wo es hieß: "Fast zwei Millionen Touristen besuchen die Innenstadt jährlich, wo Am Alten Hafen und Neuen Hafen nur noch bewusst bewahrte Spuren an die Geschichte der Häfen erinnern. Im Winter laden Wasserwelten neben dem Aquarium des Ocean Parks zu tropischen Urlaubsfreuden ein. Zwischen Geeste und Überseehafen hat sich ein riesiges, miteinander verknüpftes Freizeit- und Urlaubsparadies entwickelt (...). Nicht langweilige Steinwüsten aus Glas und Stahl empfangen den Besucher, sondern eine saubere, gepflegte Innenstadt mit auffällig vielen Überdachungen, sodass die gesamte Bürger bis zum Theodor-Heuss-Platz bei jedem Wetter zu erleben ist. Selbst im Winter haben hier Straßencafes und Outdoor-Pubs geöffnet. Bremerhaven im Jahr 2005 fällt auch dadurch auf, dass hier das ganze Jahr über auf der "Bürger" eine ständige Gartenschau stattfindet - ein Meer aus Blumen, Gewächsen, Wasserfällen, harmonischer Musik und modernem Design und Skulpturen vor dem Theater."
Aus dieser Ocean-Park-Vision, in deren Zusammenhang der Zoo geschlossen werden sollte, das Auswanderermuseum keine Rolle mehr spielte und Schiffahrtsmuseum sowie Theater auf eine Art Touristenlieferanteninstitutionen reduziert werden sollten, aus dieser Vision ist Gottlob nichts geworden.
Nur wenig treffender wird die heutige Situation im Stadtzentrum in einer Vision von 1948 beschrieben. Wer 1970 (dem seinerzeitigen Visionszeitpunkt), zum Theaterplatz kommt "mit seinen massigen Geschäfts- und Bankgebäuden, mit den breiten Treppen, die zu den unterirdischen Verkaufs- und Messehallen führen", so hieß es damals, der erkennt "auf den ersten Blick den Mittelpunkt dieser Großstadt an der Unterweser. Gegenüber von einem modernen Hotelhochhaus erhebt sich im klassischen Profil das Stadttheater mit der Kunsthalle. Wendet man den Blick dann weiter die verbreiterte Bürger hinunter, so beeindruckt den Besucher wieder der brodelnde Verkehr der City. Die Bürgersteige sind schwarz von Menschen, ein Stoßen, Drängen und Vorwärtsschieben."
Naja, noch ist das mit dem "Drängen und Vorwärtsschieben" in der Bürger kein Dauerzustand - aber das soll ja noch werden, und das wird es auch, da bin ich zuversichtlich. Denn mit unserer neuen Stadtvision, die gegenwärtig immer mehr reale Gestalt annimmt, sind wir auf dem richtigen Weg. Denn bei der Erarbeitung des neuen Stadtkonzepts spielten Tradition und gewachsene Strukturen, spielte Kultur eine entscheidende Rolle: Zoo, Auswandererhaus, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Historisches Museum, Stadtbibliothek, Jugendmusikschule, Volkshochschule, Kunsthalle, Theater im Fischereihafen, dazu Alfred-Wegener-Institut und Hochschule - alle saniert bzw. erweitert oder gar neu gegründet, und nun geht auch das Stadttheater seiner Rundum-Sanierungsvollendung entgegen.
Dies ist auch für mich persönlich ein sehr bewegender Moment, vor allem wenn ich einen Rückblick auf das Jahr 1992, meinem Arbeitsbeginn hier in Bremerhaven, wage: Seinerzeit wurde diskutiert, ob man Ballett- oder Schauspielsparte schließen könne, ob eine Orchesterfusion mit Bremen sinnvoll sei, der Kampf um die zu geringen Betriebsmittel war ebenso gegenwärtig wie jener um die Wiederbesetzung nicht nur der Künstlerstellen im Theater, und schließlich drohten TÜV und GUV immer deutlicher mit der Schließung des gesamten Theaters wegen wachsender Sicherheitsmängel, ... - all das ist heute, 14 Jahre später, vorbei: Unser Theater ist rundum saniert, niemand mehr rüttelt an den drei Sparten oder fragt, ob wir nicht auf das Kleine Haus verzichten können. Ja, wir haben sogar zusätzlich noch das TiF als Gastspieltheater, das sich nicht als Konkurrenz, sondern als ideale Ergänzung unserer Theaterlandschaft versteht.
Bremerhaven hat sich damit überregional als Kulturstadt und speziell als Theaterstadt einen Namen gemacht und weit über unsere Grenzen hinaus gezeigt, dass Kultur bei uns nicht nur als Wirtschafts- und Imagefaktor gesehen wird, sondern auch und vor allem als identitätsstiftende Institution unseres Gemeinwesens.
Ungeachtet dessen gibt es immer wieder bundesweit - berechtigte - Debatten darüber, wie viel das Theater kosten darf, altbekannte Debatten. Ich darf aus der "Zeitschrift für Musik" von 1931 zitieren, wo z. B. die Uraufführung "Soldaten" im Stadttheater Düsseldorf mit besonderen Blick auf die "einfache, ausdrucksstarke Bühnengestaltung" hervorgehoben wird, wörtlich: Sie "war von vorbildlicher Billigkeit. Das Presseamt ... gibt jetzt bekannt, dass sich die Gesamtkosten für Dekorationen - 10 verschiedene Bilder und 4 Projektionsbilder - Kostüme, Perücken und Beleuchtung auf 657 Mk (!) gestellt haben. Es muss doch also wohl auch so gehen ...".
Über das Stadttheater von Bremerhaven wird in diesem Artikel - ganz mit dem notwendigen Sparblick jener Zeit - berichtet, dass es "von dem Zuschuss, den ihm der Magistrat und das Stadtverordnetenkollegium für die vorige Spielzeit zum Theaterbetrieb bewilligt hat, die beachtenswerte Summe von 16.000 Mark erspart" hat.
Nun, meine Damen und Herren, ich habe es in meiner gesamten Dienstzeit nicht geschafft, dem Kämmerer Theatergeld zurückzugeben - und ich gestehe, ich bereue das nicht im Mindesten und dies nicht nur, weil wir in meiner Amtszeit ohnehin schon erhebliche Sparleistungen erbracht haben und im bundesweiten Vergleich auf ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis verweisen können, sondern auch weil wir, losgelöst von solchen Überlegungen, sagen können: Dieses Geld war und ist bestens angelegt. Denn Theater, das ist eine Kunstmanufaktur. Mit unseren Schauspielen, Opern und Ballettaufführungen werden hier lauter Unikate hergestellt, handgemacht bzw. kopf- und seelengemacht, von Künstlern, Handwerkern und Verwaltungsleuten, die ihr Geschäft verstehen, die nicht nur ein Produkt herstellen, sondern jedem Produkt, sprich jeder Theateraufführung, dank ihrer Professionalität etwas Einzigartiges verleihen. Keine Aufführung gleicht der anderen, weil sich die Spannung zwischen Publikum und Künstlern jedes Mal neu und jedes Mal anders aufbaut, jedes Mal neu erarbeitet werden muss. Und am Ende steht jenes Glück der Anstrengung, der Leidenschaft und Faszination, wie es nur die Kunst, speziell das Theater vermitteln kann.
Ich danke Ihnen allen, meine Damen und Herren, die Sie mit der Sanierung des Theaters in Bremerhaven diesen Markstein gesetzt haben, insbesondere danke ich ganz persönlich Christian Bruns sowie Peter Grisebach und Jürgen Ahlf für das außerordentliche Engagement und die vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Ich danke Ihnen allen, die Sie dabei mitgewirkt haben, danke Ihnen sowohl dienstlich als Kulturdezernent wie auch privat als Theaterfreund. Denn mir war es 14 Jahre lang vergönnt, meine persönliche Theaterleidenschaft mit meiner beruflichen Aufgabe als Theaterverantwortlicher zu verknüpfen. Ich durfte mitwirken an der Realisierung eines Traums: unserem rundum sanierten, hochlebendigen Drei-Sparten-Theater, in dem ich Ihnen noch viele schöne auf- und anregende Aufführungen wünsche.
Originaladresse des Artikels: http://www.bremerhaven.de/meer-erleben/stadt-haus/pressemitteilungen/2006/10/31/dokumentation-stadtrat-prof-dr-weiss-die-bilanz-seiner-amtszeit.20151.html
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