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Seestadt Bremerhaven
     
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Kicker und Kegler im besonderen Training: Vorbereitung auf das Behindertensportfest

19.08.2010

Die Kegler arbeiten Woche für Woche am Bewegungsablauf, wie hier Noyan Usar
Der Torwart hat sich gerade mal umgedreht, da wird schon vom nächsten Angreifer ein Schuss abgegeben. Trainer und Mitspieler wollen ihn noch warnen, doch der Torhüter hält seinen Kasten auch ohne jedes Eingreifen sauber: Der Ball springt ihm an die Hacke und von dort ins Aus. Diese Taktik der Regungslosigkeit war selbst dem Trainer bislang unbekannt: "Vielleicht solltest Du das immer so machen", ruft er seinem Torwart zu.

Verschaukelt wird jeder einmal beim Fußballtraining der Lebenshilfe. Auch sonst geht es mit einer Menge Spaß und weitaus mehr Bewegung und Tatendrang zur Sache als in der Hackentrick-Szene des Torhüters. Vor anderthalb Jahren hat Matthias Dowideit das Training seiner jungen Truppe übernommen - „U 30", wie er sie nennt. Wenn sich das neun Mann starke Team auch jede Woche trifft, um zwei Stunden zu trainieren, so steht in dieser Woche doch ein besonderer Termin an: Die Gruppe will im Rahmen des Behindertensportfestes am Fußballturnier teilnehmen und den Pokal holen.

Zum Behindertensportfest laden das Amt für Menschen mit Behinderung sowie das Amt für Sport und Freizeit für den kommenden Sonnabend, den 21. August, ein. Wie immer gehören auch beim 21. Mal eine Reihe von Leichtathletikdisziplinen wie Laufen, Springen und Werfen zum Wettbewerbsprogramm - aber genauso Schwimmen, Kegeln oder eben Fußball. Hauptort des Geschehens wird dann das Nordseestadion sein.

Das Fußballtraining spielt sich allerdings auf dem SFL-Gelände in Leherheide ab. Nach dem Aufwärmen, das an diesem sehr sonnigen Nachmittag auch entfallen könnte, arbeitet Matthias Dowideit mit seinen Jungs an Ausdauer und Ballgefühl. „Nach dem Urlaub muss man wieder bei null anfangen, um sie aufzubauen", berichtet er, während sich seine Kicker immer paarweise den Ball zuspielen. Danach versuchen sich alle am Passspiel mit anschließendem Torschuss. Der Trainer verzichtet, wie er erzählt, auf das Einüben komplizierter Schachzüge, die sich Sportlern mit Behinderungen nur schwer vermitteln ließen. Zudem ist im Turnier die Abseitsregel aufgehoben, die bei vielen Spielern Unverständnis auslösen würde. Ansonsten sind zu anderen Amateurkickern kaum Unterschiede im Spiel festzustellen - auch nicht im Umgangston: In der mittlerweile laufenden Trainingspartie feuert Marcel Dähnenkamp seine Mitspieler an: „Und jetzt ein schneller Konter!" Als der ausbleibt, ruft er verärgert über den Platz: „Schon mal was davon gehört?"

Das Training biete der Mannschaft Abwechslung im Alltag, sagt Matthias Dowideit. Als Organisation, die Menschen mit geistiger oder Mehrfachbehinderung in allen Lebensbereichen unterstützt, steht die Lebenshilfe ihnen auch mit verschiedenen sportpädagogischen Angeboten zur Seite. Dowideit ist im Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe tätig, der Fußball bildet einen kleinen Teilbereich seiner Arbeit, den er mit Leidenschaft ausfüllt. Nicht nur, dass er mit seiner Mannschaft regelmäßig an Turnieren teilnimmt - meistens am Wochenende. Ihm ist auch wichtig, allen Spielern zu zeigen, wie ernst er die Angelegenheit Fußball nimmt. Das übertrage sich auf die Spieler und ziehe erste Erfolge nach sich. So konnte die Mannschaft im Juni bei den Special Olympics in Bremen Gold in ihrer Spielklasse holen. Dowideit: „Da haben sie Blut geleckt."

Seine Ziele setzt sich Spieler Michael Werner mittlerweile ebenfalls in den oberen Regionen. Hohe Ansprüche stellt er vor allem an die eigene Leistung: Mit seinen 46 Jahren fällt er aus dem Altersrahmen der Mannschaft, ist bei der Arbeit an der eigenen Fitness aber kaum zu stoppen. Um die Schlappheit nach dem Urlaub zu überwinden, hat er sich auf Einzel- und Konditionstraining verlegt. Dauerläufe sind sein Zaubermittel, „heute Abend auch noch". Nach dem Training, wohlgemerkt. Welcher Platz denn beim Behindertensportfest erreicht werden soll? „Na, der erste natürlich", meint er, „wenn schon, denn schon". Damit könnte es aber ja eventuell auch nicht klappen. Michael Werner sagt wie selbstverständlich: „Dann machen wir eben den zweiten."

Falls es trotzdem schiefgehen sollte, ist da ja noch der Trainer. „Nach Niederlagen muss man die Jungs auch schon mal wieder aufbauen", berichtet Dowideit. Dann werde an der Einstellung gearbeitet, um alle neu zu motivieren.

Andere sind schon motiviert, manche zu sehr: Ans Kegeln geht Christopher Bode (22) von Natur aus mit Schmackes heran, wie der eine oder andere seiner rund 15 Mitstreiter auch. „Einige peitschen die Kugel regelrecht, und dann fallen nur zwei oder drei Kegel um", erzählt Ulrike Reichmann, die dieses sportpädagogische Angebot der Lebenshilfe betreut. „Dabei geht es nicht um Power, das ist doch eine Frage von Gefühl und Technik."

Im Gegensatz zu den Kickern befinden sich die Kegler schon am späteren Schauplatz des Geschehens: Sie trainieren auf den Kegelbahnen im Bürgerhaus Lehe und damit am Austragungsort des Kegelwettbewerbs des Behindertensportfestes. Hierher kommen die Sportler einmal pro Woche, um sich an den Bewegungsablauf zu gewöhnen und sich mit den anderen zu messen. Mit jeweils zehn Wurf in fünf Durchgängen werden jedes Mal die Plätze ermittelt.

Viel Zeit bleibt nicht, um die Bestform zu erreichen: Damit auch die Kegler die Wettkämpfe im Stadion miterleben oder daran teilnehmen können, wird ihr Wettbewerb bereits am kommenden Freitag und damit einen Tag vor dem eigentlichen Sportfest ausgetragen. Zudem will der Trainingsrückstand durch den Urlaub aufgeholt sein, der für alle gerade erst zu Ende gegangen ist. Doch da ertönen schon die Jubelrufe eines Keglers, der als Erster an diesem Vormittag alle neune geschafft hat. Klatschend und rufend stimmen alle anderen Spieler mit ein. Für Ulrike Reichmann ein Zeichen dafür, wie positiv sich dieser Sport auf das Sozialverhalten der Teilnehmer mit Behinderungen auswirkt. „Es ist eine richtig geschlossene Gemeinschaft geworden", freut sie sich.

Die Sportlehrerin hat vor zehn Jahren zusammen mit der Erzieherin Petra Wöstehoff das Kegeln bei der Lebenshilfe aufgebaut. Beide begleiten die Sportler nach wie vor. „Es ist ein begehrtes Angebot", berichtet Ulrike Reichmann, daher finde immer nach einem halben Jahr ein Wechsel der Teilnehmer statt. Einige von ihnen seien allerdings auch schon mehrere Jahre dabei, weil der Sport ihre Persönlichkeit günstig beeinflusse.

Auf einer der Anzeigetafeln leuchten vier Vieren hintereinander auf. „Was ist das denn?", ruft Ulrike Reichmann und geht auf den Kegler zu, der diese Serie hingelegt hat, „kannst Du auch eine Acht?" Statt einer Antwort folgt sehr entschlossen der nächste Wurf. Eine Vier.

Um mehr Sicherheit im Bewegungsablauf zu gewinnen, nehmen einige der Sportler zum Werfen die Kugel in beide Hände. Petra Wöstehoff und Ulrike Reichmann greifen dann und wann ein, wenn bei der Körperhaltung etwas zu verbessern ist, und zeigen, dass man der Kugel den richtigen Schwung geben muss.

„Richtig Schwung geben", das ist auch laut Kegler Stephan Pflaum das Erfolgsrezept. Es muss etwas dran sein: Mit 61 Punkten in einem Durchgang und kurze Zeit später sogar 67 Punkten liegt er am Ende dann auch ganz vorn, „das schafft sonst niemand", sagt der 40-Jährige selbstbewusst. 238 Holz hat er gesammelt, das ist für dieses Mal der erste Platz. Immerhin Platz fünf erreicht Elke Lenz. Falls es beim Behindertensportfest weniger gut laufen sollte, wird sie auch nicht traurig sein, versichert die 56-Jährige. Eine Urkunde ist ihr als Teilnehmerin ohnehin sicher. „Und ein T-Shirt", freut sich Elke Lenz schon, die auch in den Vorjahren dabei war und deshalb weiß, wovon sie spricht. Dann erwähnt sie, dass sie bereits seit 25 Jahren in einer der Werkstätten der Lebenshilfe arbeitet. Was ihr mehr Spaß bereite, Training und Wettbewerbe auf der Kegelbahn oder die Aufgaben in der Werkstatt? „Das Kegeln", sagt sie und strahlt.
Susanne Schlatow

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