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Neue Ideen für die Hansekogge

10.03.2011

Noch umgibt ein System aus justierbaren Stützen und Veränderungsmarkierungen die 631 Jahre alte Kogge. Ein speziell entwickeltes Programm überwacht die Bewegungen der Kogge und ihrer Masse von gut 40 Tonnen Eichenholz.
Statiker legen entscheidenden Entwurf für die endgültige Präsentation der Bremer Hansekogge von 1380 vor – Im nächsten Jahr ist zweite Premiere  

Und wann kann man die Kogge wieder ganz sehen? Das Deutsche Schiffahrtsmuseums hat jetzt die Antwort auf viele Besucherfragen parat: „Spätestens 2012“, sagt Dr. Ursula Warnke, die Direktorin des Nationalmuseums, und stützt ihre Gewissheit auf die jüngsten Berechnungen zur Statik des inzwischen 631 Jahre alten und seit 2009 auch „nationalen Kulturguts“. Und diese aktuellen Berechnungen und Empfehlungen der Bremerhavener Statik-Experten von KSF Feld & Partner sehen ein transparentes System aus umlaufenden Querstringern (Ringen) und Stützen um die Hansekogge vor. Mit ihm soll die Urform der Kogge erhalten bleiben. „Wir müssen hier für die Ewigkeit denken“, begründet Ursula Warnke den langwierigen Umorientierungsprozess in Sachen Kogge-Präsentation, mit dem die 40jährige Odyssee von der Kiellegung 1971 bis zur endgültigen und sicheren Präsentation abgeschlossen werden soll. 

Dass es diese Neuorientierung wider Willen geben musste, hat eine kurze, aber auch schmerzhafte Geschichte: Nach dem 20 Jahre dauernden Bad der Kogge in einem Stahltank mit 70 % PEG Polyethylenglykol, strahlte die Original Bremer Hansekogge am 17. Mai 2000 erstmals komplett stolz und freistehend im Museum – zusammengehalten von einem Stahlskelett und an Stahlseilen unter der Decke fixiert. Die Freude währte nicht lange. 2003 schon schlugen die Wissenschaftler im Schiffahrtsmuseum Alarm: Die Kogge schob sich seitlich vom Helgen und verformte sich unter ihrem Gewicht von über 40 Tonnen imprägniertem Holz. 

Was war die Ursache? Was tun? Eine internationale Kommission von Schiffsarchäologen, Restauratoren und Konservatoren kam zusammen und zu dem Schluss, dass zunächst einmal die Kogge in ihre Urform zurückgedrängt werden müsse. Dies geschah mit einem computerüberwachten Justiersystem aus Stahlstützen. Der Erfolg ist sichtbar, aber keine Dauerlösung für die attraktive Präsentation von nationalem Kulturgut. 

Aber auch über die Ursache der Verformung waren sich die Experten schnell einig: „Der Wasserdruck von außen fehlte“, fasst es Dr. Ursula Warnke zusammen. Er hält ein Holzschiff normalerweise in Form. „…und das wurde bei der ersten Präsentation offenbar unterschätzt“, stellt sie fest, und der Restaurator für archäologische Objekte Michael Sietz ergänzt: „Das würde man heute mit unseren aktuellen Erkenntnissen anders machen.“ Mit dem alles entscheidenden „Wie“ beschäftigt sich seit 2007 der Statiker Dr.-Ing. Hans-Jürgen Meyer. Er hat sich mit seinen Kollegen bei KSF in Bremerhaven auch mit den Vorgaben von Dr. Ursula Warnke auseinanderzusetzen, die als Archäologin und Chefin des Projekts klare Vorgaben macht: Möglichst wenige Stützen. Viel freier Blick auf das Objekt. So wenig wie möglich Eingriffe in die Originalsubstanz der Kogge. Zusätzlich meldete sich der für das Koggeprojekt zuständige DSM-Wissenschaftler und Volkskundler Hans-Walter Keweloh zu Wort und gab KSF mit auf den Weg: „Beim Koggebau im Jahre 1380 wurde sehr schlechtes Holz verwendet. Ich möchte, dass Astlöcher, Risse und geflickte Planken zu sehen sind.“ 

Der erste KSF-Vorschlag sah eine innere Stahlkonstruktion vor. Dazu wären auch zusätzliche Löcher im Koggeholz notwendig gewesen. Die Museumsdirektorin war entsetzt: „Löcher in nationales Kulturgut bohren? Das geht gar nicht!“ Ein Blick zu Kollegen im norwegischen Roskilde, wo ein Winkingerboot konserviert wurde, half weiter: Dr. Meyer machte sich daran, die plastische Verformung der Kogge aus einer Mischung aus Stringern (Ringen) rund um die 23,27 Meter lange und 7,62 Meter breite Kogge zu legen und den Schiffskörper aus gut 2.000 Einzelhölzern zusätzlich durch Stützen aufzufangen.  

Dr. Ursula Warnke: „Das ist aus statischer Sicht in Ordnung. Jetzt müssen wir das ausstellungstauglich machen.“ Für diese Aufgabe hat das Deutsche Schiffahrtsmuseum bereits 2007 die Berliner Ausstellungs-Designer Iglhaut + Partner verpflichtet und das Fraunhofer-Institut für grafische Datenverarbeitung in Darmstadt in das gemeinsame Forschungsprojekt einbezogen. Das Ziel: eine visuelle Projektion der rekonstruierten Kogge zeigen, in der zukünftig eventuell auch Hologramme eine tragende Rolle spielen. 

Noch aber steht der letzte statische Entwurf von KSF im Mittelpunkt der Beratungen für die nächsten Monate. Dr. Hans-Jürgen Meyer: „Wir brauchen Rundumstabilität in Höhe der Wasserlinie und ein Höchstmaß an Transparenz.“ Jetzt gehe es auch darum, mit den Wissenschaftlern abzuklären, wo dürfen diese stützenden Ringe und Stützen stehen; denn immerhin – so der KSF-Bauphysiker – müssen etwa zehn Tonnen Gewicht pro Meter unter Kontrolle gebracht werden. Erst danach soll entschieden werden, welche stützenden Baustoffe verwandt werden können: Edelstahl, Plexiglas oder auch Glasfaser. 

Für das zweite Halbjahr 2011 plant Dr. Ursula Warnke im Schiffahrtsmuseum ein internationales Treffen von Fachleuten aus den Bereichen Schiffsarchäologie und Nassholzkonservierung. Mit ihnen sollen die neuen Varianten und letztlich auch Entscheidungen für die zweite Premiere der Hansekogge abgeklärt werden. Für Michael Sietz geht es letztlich auch um wissenschaftliches Neuland und um eine die „Substanz schonende“ Variante bei diesem „neuen Ansatz, den man in dieser Form und Größe noch nie ausprobiert hat“. 

Auf die Frage, ob die letzten zehn Kogge-Jahre ein Irrweg gewesen sind, gibt es aus dem Deutschen Schiffahrtsmuseum von Hans-Walter Keweloh und Michael Sietz den klaren Hinweis: „Dies ist ein typischer Forschungsprozess, den wir hier erleben. Die internationale Nassholz- und Konservierungsforschung beruht vor allem auf Ergebnissen der Bremerhavener Kogge-Forschung.“ Keweloh: „Wir stehen als Forschungsmuseum und Institut der Leibniz-Gemeinschaft nach wie vor in diesem Bereich an der Spitze der Forschung.“ 

Was im Nationalmuseum Deutsches Schiffahrtsmuseum irgendwann ab dem nächsten Jahr zu erleben sein wird, ist ein Koggehaus, das sich dem Besucher auf vier Ebenen erschließt – ein modernes Museum im Museum, das erstmals auch den Kellerbereich unter der Kogge mit dem Thema Schiffs- und Unterwasser-Archäologie in das Gesamtspektrum der mittelalterlichen Hansekogge von 1380 und ihrer Erforschung einbeziehen soll. Es werden in jeder Beziehung spannende Monate, die im Ergebnis ein völlig neues Kogge-Erlebnis bieten und auch in der visuellen Darstellung ein neues, hochattraktives Kapitel Deutsches Schiffahrtsmuseum aufschlagen.

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Originaladresse des Artikels: http://www.bremerhaven.de/meer-erleben/sehenswertes/museen-erlebniswelten/deutsches-schiffahrtsmuseum/neue-ideen-fuer-die-hansekogge.38801.html
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